Kritik zu Barfuß auf Nacktschnecken

© Alamode

2010
Original-Titel: 
Pieds nus sur les Limaces
Filmstart in Deutschland: 
05.05.2011
L: 
103 Min
FSK: 
12

Der französische Regisseur Fabienne Berthaud inszeniert Diane Kruger und Ludivine Sagnier als hübsches Schwesternduo, das einen kuriosen »cultural clash« von Lust- und Realitätsprinztip vorführt

Bewertung: 2
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Die gute Nachricht zuerst: Diane Kruger (»Troja«, »Inglourious Basterds«) offenbart sich als spannende und subtile Charakterdarstellerin. Ihre Schönheit ist ja immer in Gefahr, puppenhaft zu erscheinen und auf den plakativen Blondinentypus festgelegt zu werden. Hier, in der Inszenierung der befreundeten Regisseurin Fabienne Berthaud, überrascht Kruger mit Intimität und Nuancenreichtum, wenn sie im Kontrastgespann zweier Schwestern für die Prinzipien von Pflichtbewusstsein und Vernünftigkeit einsteht. Sie heißt Clara und muss nach dem Tod der Mutter auf dem ländlich-idyllischen Anwesen für ihre betreuungsbedürftige jüngere Schwester Lily sorgen.

Die schlechte Nachricht: Die eigentlich wunderbare Ludivine Sagnier (»Swimming Pool«, »8 Frauen«) kann diese Lily-Figur nicht glaubwürdig konturieren. Das liegt nicht an mangelndem Talent, sondern an der verqueren Anlage der Figur. Wie soll man Lily charakterisieren? Als »hübsch verrückt« oder als »infantil retardiert«? Der Film weiß das selbst nicht so genau. Lily hat sich in ihr skurriles Fantasieuniversum zurückgezogen, sie lutscht am Daumen, sammelt totes Kleingetier (Ratten, Marder) im Kühlschrank und bastelt aus deren Fellen bizarre Kunstobjekte.

Eine Lieblingsbeschäftigung Lilys besteht auch darin, den schüchternen Nachbarjungen zu Sexspielchen zu verführen. Diagnostisch müsste man sagen: Die 30-jährige Lily befindet sich in der polymorph-perversen Phase einer Vierjährigen. Berthaud will aber, dass Sagnier diese Retardiertheit so vorführt, als sei Lily eine Art Pippi Langstrumpf. Das Tragische, Grausame, Monströse und Selbstgefährdende eines solchen Charakters wird einfach unterschlagen. Im wirklichen Leben wäre Lily ein dringender Fall für den Psychiater.

Zu Beginn denkt man, dass der Film Lilys bizarres Wesen ergründen will, dass er möglicherweise in ihre Kindheitsgeschichte eintaucht und eine problematische Mutter-Tochter- Beziehung erkundet. Recht schnell aber zeigt sich, dass es Fabienne Berthaud nur darum geht, die dem infantilen Lustprinzip frönende Lily zur Herausforderung für die auf pflichtgetreue Vernünftigkeit programmierte Clara zu machen. Die Story läuft so, dass Clara, die in Paris als Gehilfin im Anwaltsbüro des Ehemannes arbeitet, Job und Ehemann beiseiteschiebt, sich ganz ihrer Schwester auf dem Lande widmet und dabei eine Art Emanzipationsschub erfährt.

Lily erscheint wie ein merkwürdiges Wunschkonstrukt. Einst holte sich der Surrealismus Inspiration aus den Sphären von Traum, Unterbewusstsein, Kindheit, Verrücktheit. Barfuss auf Nacktschnecken sieht aus wie das groteske Missverständnis des surrealistischen Programms. Immerhin gibt es jenseits der Verrücktheits-Apologetik doch einen Aspekt, unter dem das Clara-Lily-Duo ganz hübsch funktioniert: wenn die beiden Schwestern durch Streit und heftige Auseinandersetzungen hindurch wieder zu liebevoll-geschwisterlicher Vertrautheit finden. Das scheint das verborgene Szenario dieser mit dekorativer Infantilität kokettierenden Geschichte zu sein, und in diesem Szenario dürfen Diane Kruger und Ludivine Sagnier dann auch aufblühen.

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