Kritik zu Gloria

© Alamode

Gloria ist eine Frau älteren Semesters, die noch Ansprüche ans Leben stellt: ein One-Night-Stand oder eine neue Liebe oder einfach im Mittelpunkt stehen, denn in Wirklichkeit ist sie nur noch eine Nebenfigur

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Gloria. Der Name hat sofort ein Gesicht. Es ist die Frau am Tresen mit der übergroßen Brille, doppelreihiger Perlenkette und mit einem Glas in der Hand. Sie spricht einen Mann an, sie scheinen sich von früher her zu kennen, aber er beißt nicht an. Allein zu Haus wirft sie die armselige haarlose Katze des Nachbarn raus, die sich immer wieder einschleicht und schminkt sich ab. Gloria ist eine einsame, geschiedene, aber selbstbewusste Frau Ende fünfzig. Sie macht nicht viel Federlesens aus den Kurzbesuchen bei den Kindern, einmal Babysitter beim alleinerziehenden Sohn, einmal Mitturnen bei der Tochter im Yogakurs, wo sie deren Freund kennenlernt, einmal im Lachkurs unter Fremden. Da ist auch noch die Arbeit, Kollegen, Freunde. Aber sie singt, wenn sie am Steuer sitzt, sich durch den Verkehr schlängelt, sie kennt all die Oldies aus den 80ern und 90ern, aus »ihrer« Zeit. Glorias Entschlossenheit verrät, dass es hier nicht um Resignation oder Depression gehen kann. Abends geht sie wieder aus, in eine andere Tanzbar, denn davon gibt es viele in Santiago, ein Single-Treff für die über 50-Jährigen. Dieses Mal leuchten ihre Lippen feuerrot.

An diesem Abend wird sie angesprochen von einem, der sieben Jahre älter, doch noch nicht so lange geschieden ist wie sie und sein Leben hopplahopp umgekrempelt hat. Weg mit dem Übergewicht durch eine Bauchoperation, aber seine wahren Leiden, die noch nicht vollzogene Abnabelung von Frau und Töchtern, die ihn ständig in Beschlag nehmen, sind noch da. Rodolfo (Sergio Hernández), ehemaliger Marineoffizier, jetzt stolzer Besitzer eines Funparks, ist ein schwacher Mann, anlehnungsbedürftig, aber auch unberechenbar und verletzend. Rodolfo lenkt nicht ab von der Hauptfigur Gloria, sondern ist eine Komplementärfigur, an der sie wachsen wird, aber zunächst bedient er ihre Bedürftigkeit, scheint ihren Wunsch nach Beziehung zu erfüllen. Doch Rodolfo kann sich für ein neues Leben zusammen mit Gloria nicht wirklich entscheiden. Das ist Gloria nicht genug.

Gloria ist eine Hommage an eine ältere Frau (wunderbar gespielt von Paulina García), an eine »Nebenfigur«, wie Regisseur Sebastián Lelio sagt, der dabei seine Mutter vor Augen hatte, eine, die keine Weichen mehr stellt für die Schicksale anderer, die ihr Leben schon einmal gelebt hat, die ohne Groll auf ihre auseinandergebrochene Familie weiterlebt, mit ihrem Körper, ihren unbefriedigten Wünschen, mit einem Mangel. Aber sie ist eine, die die entstandene Leere nicht akzeptieren will, die noch weiterleben, weiterlieben will und sich wie zum Trotz jeden Abend an die Bar setzt.

Am Rand, doch unübersehbar, spielt der Film auf die Spannungen in der chilenischen Gesellschaft an. In Tischgesprächen über die spirituelle Revolution via Facebook und Twitter, mit einer Demo, die sich mitten durch die Hauptstadt schiebt, mit unzufriedenen jungen Leuten, die auswandern, wie Glorias Tochter. Gloria bleibt lange stehen vor der tanzenden Marionette am Straßenrand, einem Knochenmann, dem toten Mann Chile. Solche Momente, in denen alles stillsteht, in denen sich die Gefühle ordnen, zur Ruhe kommen, die Enttäuschung zurückdrängen, durchziehen den Film. Dann kann sich Gloria auch einen Joint reinziehen, der den randalierenden Nachbarn über ihrer Wohnung in die Ferne entrückt. Wie ein subtil eingesetzter Kommentar legt dazu der Soundtrack seine Spur durch den Film, nicht nur Begleitmusik aus dem Radio, sondern wie eine leise zärtliche zusätzliche Erzählebene, die wie ein Seismograph die Stimmungsumschwünge auffängt und – ohne sentimental zu werden – dieser sonst so beherrschten Frau Gefühle entlockt.

Gloria sollte etwas von der Aura eines Bossa nova ausstrahlen, sagt der Südamerikaner Lelio, etwas von der Poesie des Alltags in all seinen, auch humorvollen Facetten. Der Jubelschrei »Gloria« (der Gassenhauer von Umberto Tozzi) hat deshalb bis zum festlichen Finale des Films zu warten. Er überstrahlt die letzte, unheimliche Begegnung im dunklen Park mit einem weißen Pfau, der sich plötzlich wie ein Todesvogel vor Gloria aufbaut. Aber Gloria findet ins Rampenlicht des Tanzbodens zurück. Und wenn Gloria singt und tanzt, ist die Welt wieder in Ordnung.

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