Kritik zu Ein einziger Augenblick

© Tobis Film

2007
Original-Titel: 
Reservation Road
Filmstart in Deutschland: 
19.06.2008
L: 
102 Min
FSK: 
12

Der nordirische Regisseur Terry George variiert in seiner Bestsellerverfilmung ein Thema, das schon sein Kinodebüt »Hotel Ruanda« beherrschte: das Familiengefüge unter der Last von Extrembedingungen

Bewertung: 3
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Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Mittelklassefamilie (Joaquin Phoenix und Jennifer Connelly), deren 10-jähriger Sohn vor ihren Augen in einem Unfall mit Fahrerflucht getötet wird. Für die Eltern bricht eine Welt zusammen. George zeigt zunächst sehr genau, wie unterschiedlich die beiden ihre Trauerarbeit verrichten und dabei versuchen, ihrer kleinen Tochter (Elle Fanning) wegen das Familienleben aufrechtzuerhalten. Zunächst greift das bekannte Muster von Selbstanklage und fassungsloser Ohnmacht. Während Grace aber langsam zurück ins Leben findet, verstrickt sich ihr Mann Ethan, auch durch den ausbleibenden Fahndungserfolg der Polizei, immer tiefer in das Bedürfnis nach Rache. Als er schließlich bereit ist, sich seinem Schmerz zu stellen, ist er ein anderer Mensch.

Thematik von »Ein einziger Augenblick« neuralgische Punkte der amerikanischen Psyche nach dem 11. September 2001. George verweist indirekt auf »Hotel Ruanda«, wenn er Ethans Studenten demonstrativ die sozialen und kulturellen Unterschiede von Menschen aus Ländern des Südens und Nordamerikanern diskutieren lässt. Die meisten Amerikaner, argumentiert ein Student, seien sozial so privilegiert, dass sie – im Gegensatz zum Beispiel zu einem Menschen in Ruanda – bereits von jeglicher Todes- und Verlusterfahrung abgeschnitten seien. Diese Problemstellung bringt die beiden Filme Georges in ein interessantes Spannungsverhältnis, wie sie gleichzeitig auch die moralische Haltung des Zuschauers hinterfragt. Mit wem fühlen wir mehr mit: der weißen amerikanischen Familie aus einem reichen Bundesstaat oder der im fernen Afrika, deren Leid (Hunger, Bürgerkrieg) medial schon so aufbereitet wurde, dass das Einzelschicksal kaum noch kenntlich ist? Oder der nicht minder rassistische Umkehrschluss: Haben wir mehr Mitleid mit den Afrikanern, gerade weil sie sozusagen schon von Natur aus unterprivilegiert sind?

Leider hält sich der Film nicht mit solchen Fragen auf, weil er allzu offensichtlich an die Verwertungsmaschine eines Bestsellers, des Romans »Eine Sekunde nur« von John Burnham Schwartz, angeschlossen ist. Die Konfliktlinie in »Ein einziger Augenblick« verläuft denkbar einfach. George versucht den Schock des Täters und den Schmerz des Vaters ineinander zu spiegeln. Hier ist Mark Ruffalo in der Rolle des fahrerflüchtigen Dwight wieder mal nach Typ besetzt, Figuren, die von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen gequält sind, spielt er nicht das erste Mal. Als Ethan ausgerechnet Dwights Anwaltskanzlei beauftragt, die Arbeit der Polizei zu prüfen, setzt er damit eine gefährliche Dynamik in Gang.

Die Konstruiertheit der Geschichte ist dem Roman geschuldet. Burnham Schwartz arbeitet gern mit Parallelmontagen, und manchmal lässt George sich davon anstecken. Dann verlässt ihn diese immer auch etwas bedrückende Ruhe, die er entwickelt, wenn er die Menschen einfach nur in ihrem Schmerz beobachtet. Das gelingt ihm hier glaubwürdiger als noch in »Hotel Ruanda«. Die richtigen Fragen aber stellt er wieder nicht.

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