Kritik zu Drive My Car

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Im Frühjahr bekam der 42-jährige Ryusuke Hamaguchi für »Wheel of Fortune« einen Silbernen Bären auf der Berlinale. Sein neuer Film, eine Haruki-Murakami-Adaption, bekam in Cannes den Dreh­buchpreis. Man könnte sagen: Der ­japanische Regisseur ist international angekommen

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Filmadaptionen der verschachtelten Romane Haruki Murakamis haben sich bislang als schwierig erwiesen. Zwar steckt in den Büchern des Japaners jede Menge visuelle Wucht, die für Filmemacher zweifellos verlockend ist. Der schiere Umfang seiner Werke sowie die im kommerziellen Kino nur schwer handhabbaren Erzählstrukturen verkomplizieren jedoch die Umsetzung ins filmische Medium. Die bislang beste Adaption entsprang daher nicht von ungefähr einer von Murakamis Kurzgeschichten: Lee Chang-dongs Burning kam der typisch mäandernden Erzählweise des Autors und der unterschwelligen Spannung seiner Prosa am nächsten. Das gilt nun auch für »Drive My Car«, der ebenfalls von einer Kurzgeschichte Murakamis adaptiert ist und doch in epischer Länge die mysteriösen, schicksalhaften Verstrickungen ausbreitet, für die der Autor so bekannt ist.

Die Verfilmung des Japaners Ryusuke Hamaguchi folgt dem Theaterregisseur Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima), der vor zwei Jahren seine Ehefrau Oto (Reika Kirishima) verloren hat. Obwohl noch wie betäubt von der Trauer sowie von überraschenden Erkenntnissen über seine Frau, die erst kurz vor ihrem Tod zutage kamen, nimmt Kafuku ein Engagement für ein Theaterfestival in Hiroshima an. Dort soll er eine multilinguale Version von Tschechows »Onkel Wanja« inszenieren, ein Stück, in dem er früher einmal die Hauptrolle gespielt hat. In Hiroshima angekommen, erwartet ihn eine unliebsame Überraschung: Die Festivalleitung untersagt es ihm aus Versicherungsgründen, mit seinem geliebten roten Saab 900 selbst zur Arbeit zu fahren. Normalerweise hört der Regisseur auf diesen einsamen Fahrten die von seiner verstorbenen Frau eingesprochene Fassung des Stücks, an dem er gerade arbeitet. Stattdessen wird ihm nun eine Fahrerin gestellt – ­die stille Mittzwanzigerin Misaki (Toko Miura). Nach anfänglicher Skepsis beginnt Yusuke Vertrauen zu der jungen Frau aufzubauen, die wie er einen Schicksalsschlag zu verarbeiten hat.

»Drive My Car« zieht von Beginn an in seinen Bann. Das liegt zum einen an der präzisen, eleganten, unaufdringlichen Inszenierung von Regisseur Hamaguchi, zum anderen am durchweg brillanten Spiel seiner Schauspieler. Vor allem aber liegt es in dem augenblicklich eintretenden Eindruck begründet, dass hier eine ambitionierte, emotional komplexe Geschichte erzählt werden soll, wie man sie zumindest im aktuellen Kino nur selten findet. Denn obwohl sich die Handlung größtenteils im Rahmen des Alltäglichen abspielt, verleiht ihr der Film eine entrückte, geheimnisvolle Doppelbödigkeit. Das gelingt einerseits durch große Detailverliebtheit: Jede Figur, jedes Setting wirkt lebendig, plastisch, als existierten sie auch außerhalb des Films. Andererseits fasziniert die narrative Offenheit: Ohne sich einem stringenten Plot zu unterwerfen, erkundet der Film mosaikhaft die Grenzen und Nebenschauplätze seiner Welt. Dazu zählt nicht zuletzt auch Tschechows Theaterstück, dessen Text hier zu einer Art fiktionaler Paralleldimension wird, in der sich immer wieder Motive und Aspekte von Yusukes Geschichte spiegeln. 

Gleichzeitig integriert der Film zahlreiche Leerstellen, die sich vor allem auf den Ursprung von Kreativität und Inspiration beziehen. Was steckt etwa hinter den düster-erotischen Kurzgeschichten, die Oto zu ihren Lebzeiten stets während des Geschlechtsakts entwickelte und dann von ihrem Mann niederschreiben ließ? Was treibt einen der Schauspieler aus Yusukes Ensemble zu einem Akt brutaler Gewalt? Der teils bedrohliche, teils melancholische Unterton hinter der kühlen Optik des Films speist sich aus eben dieser ewigen Ungewissheit über das Innenleben unserer Mitmenschen. So steht hier am Ende auch keine allumfassende Erklärung, sondern die Aufführung eines Theaterstücks, in die Entscheidungen und Schicksale aller Mitwirkenden einfließen. Das macht »Drive My Car« zu einer treffenden Interpretation von Murakamis literarischem Kosmos – aber ebenso zu einem gänzlich eigenständigen, tief berührenden Filmkunstwerk.    

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