Kritik zu The Doors – When You're Strange

Trailer englisch © Kinowelt

2009
Original-Titel: 
When You're Strange
Filmstart in Deutschland: 
01.07.2010
L: 
86 Min
FSK: 
12

Eigentlich merkwürdig, dass es zuvor noch keinen langen Dokumentarfilm über eine der schillerndsten und einflussreichsten Bands der Rockgeschichte gab. Tom DiCillo setzt mit seinem Film Maßstäbe

Bewertung: 5
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Es gibt keine nachgestellten Szenen, keine rückblickenden Interviews, keine Experten: Regisseur Tom DiCillo (»Living in Oblivion«, »Echt blond«) verlässt sich für sein Doors-Porträt ausschließlich auf historisches, zum Teil nie gesehenes Filmmaterial und die ruhige Erzählerstimme von Johnny Depp. Als dramaturgische Klammer dienen Ausschnitte aus dem Kurzfilm »Hwy« (1969), auch bekannt als »The Hitchhiker«, in dem sich Jim Morrison 1970 als mythisches Prärie-Geschöpf auf dem Highway nach Westen inszenierte. Auch wenn dieses Roadmovie für sich betrachtet sicher kein filmisches Meisterwerk ist: Einzelne Fragmente daraus zum Vehikel für eine Reise durch die Bandgeschichte zu machen, ist ein großartiger Kniff.

Viel wurde bereits geschrieben und gesagt über die Geschichte der Doors, über Morrisons Exzesse vor allem, aber auch über die musikalische Bedeutung. Tom DiCillo verrät hier, was die Fakten angeht, zumindest den Fans nicht viel Neues. Seine Kunst liegt darin, wie er bei aller Sachkunde und Sachtreue den Stoff zu einer inneren Biografie der Band destilliert und dabei ganz in ihre Zeit eintaucht. Selbstverständlich kann er die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe nur anreißen; Hippies, Vietnam, Attentate und Unruhen jener bewegten Zeit an der Wende der idealistischen 60er zur Desillusionierung der 70er Jahre. Doch ihm gelingt eine atmosphärische Spiegelung der Zeit in der Musik – und umgekehrt. »Strange« ist dabei ein Schlüsselwort.

Darüber hinaus versucht er dem Geheimnis der bis heute ungebrochenen Begeisterung für die Doors auf die Spur zu kommen, ihrer künstlerischen Innovation und Kompromisslosigkeit wie auch der äußerst erfolgreichen – und seien wir ehrlich, reichlich enervierenden – Selbstmythisierung Morrisons. Dessen Präsenz drängt die Fähigkeiten seiner Mitspieler Ray Manzarek, Robby Krieger und John Densmore leider bis heute in den Hintergrund.

Das Konzept des Künstlers als Katalysator und »Radardenker« seiner Zeitstimmung, wie Gottfried Benn das genannt hat, sind hier ein zentraler Aspekt. Hand in Hand damit geht die Suche nach Bewusstseinserweiterung mit Hilfe entsprechender Substanzen. Aldous Huxley hat sie in seinen »Pforten der Wahrnehmung« beschrieben, und die Doors liehen sich ihren Namen von ihm.

Programmatisch war auch die Sprengung von Konventionen. Provokationen, wie sie heute für jede Teenieband zum Pflichtprogramm gehören, waren damals noch explosiver Affront. Das skurrilste Beispiel: Die Band wurde ermahnt, bei einem TV-Auftritt im Song »Light My Fire« das Wort »higher« zu ersetzen, weil es zum Drogenkonsum aufriefe. Morrison stimmte sofort zu – und sang den Text dann genau so, wie er geschrieben war. Mit besonderer Betonung auf »higher«.

Doch je mehr der Ruhm wuchs und je weiter der – man glaubt es kaum – anfangs sehr scheue Morrison seine Bühnen-Persona kultivierte und mit Rauschmitteln befeuerte, desto mehr entgleisten seine Auftritte und sein Privatleben. »Jimbo« nannten die Bandkollegen sein unberechenbares Rausch-Alter-Ego. Manchmal machte es ihn zum aggressiven Aufwiegler, dann wieder lag er regungslos am Bühnenrand herum. Sein dionysisches Charisma wich mehr und mehr Selbstzerfleischung und -zerstörung. Das Ende ist bekannt, wenn auch über die Umstände seines Todes immer noch spekuliert wird.

Wie DiCillo diese tragische Entwicklung schildert, kritisch und anteilnehmend, entfaltet eine Dynamik, der man sich schwer entziehen kann, und doch bekommen die Skandalgeschichten nie die Oberhand. In der Montage von taufrisch klingenden Livedarbietungen, privaten Filmaufnahmen und Tondokumenten bleibt die Musik der Dreh- und Angelpunkt. So werden auch die Arbeitsweise und der spezielle Sound der Band gewürdigt. Erstaunlich, welche Unmittelbarkeit und Wucht die Konflikte zwischen den Bandmitgliedern entwickeln, wie nah der Film ihnen kommt. »When You're Strange« blickt auf 40 Jahre zurückliegende Ereignisse, als wären sie gestern geschehen. Lebensgier und Todessehnsucht – das alles atmet DiCillos Film und hinterfragt es zugleich, als seltene, glückhafte Begegnung von Rausch und Reflexion.

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