Kritik zu Don't Worry, weglaufen geht nicht

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Der unberechenbare Gus Van Sant porträtiert in seinem neuen Film John Callahan, den berühmtesten ­Rollstuhlfahrer seiner Wahlheimat Portland, Oregon. Erstaunlich, dass es bei der letzten Berlinale nicht einmal einen Darstellerpreis für Joaquin Phoenix gab

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Endlich wieder einmal ein amerikanischer Film, der einen richtigen Vorspann hat! Gus Van Sant zählt zu den ganz wenigen US-Regisseuren, die es sich nicht nehmen lassen, die Mitwirkenden des Films vorzustellen und die Titelsequenz kreativ zu nutzen, um auf dessen Thema und Atmosphäre einzustimmen oder die Charaktere vorzustellen.

Zu Beginn seines neuen Film gelingt ihm all dies mustergültig. Der Vorspann zeigt einen Cartoon-Zeichner bei der Arbeit, der mit seinem Stift flink Figuren und Situationen entwirft. Es ist nicht John Callahan, der ihn führt – der Protagonist von Van Sants Film war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon seit sieben Jahren tot –, sondern ein Zeichner, der seinen Stil wieder aufleben lässt. Callahans Witz ist hinterhältig, er nimmt keine Rücksicht auf Tabus, sondern bedenkt das Leben mit gewitzt betroffenem Hohn. Seine Cartoons verkörpern idealtypisch das Gleichheitsprinzip von Mel Brooks, dem zufolge die Komik niemanden ausnehmen dürfe, da auch Minderheiten und Behinderte einen Anspruch darauf hätten, verspottet zu werden. Nun könnte man einwenden, der Karikaturist habe ein besonderes Recht besessen, sich solche Freiheiten herauszunehmen, da er seit einem Unfall querschnittsgelähmt war. Aber das hieße misszuverstehen, wer und wie John Callahan war.

Im Titel klingt dessen unerhörte Gabe zu einer Selbstironie an, die keinen Freibrief brauchte. John fügt sich stolz in die Galerie gesellschaftlicher Außenseiter, die Van Sants Kino bevölkern. Joaquin Phoenix' gelassene Darstellung kommt ohne jenes Pathos aus, das in solchen Rollen sonst als ­Oscar-Köder fungiert. Er gibt Callahan große Agilität und spielt ihn ohne Mimikry. Üblicherweise würde man dieses Leben als eine einzige Verlustrechnung betrachten: als Kind von der Mutter verlassen, mit 21 Jahren an den Rollstuhl gefesselt, ein haltloser Alkoholiker und trauriger Hedonist. Van Sant durchbricht in seiner Verfilmung von Callahans Memoiren diese Logik nicht nur, in dem er die Chronologie auflöst und behände zwischen den Lebensaltern hin und her schneidet. Sein Drehbuch dekliniert munter die berühmten 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker durch. Es ist ein tragikomischer Bildungs­roman und handelt von einer Figur, die Hilfe sucht und Unterstützung findet.

Autorenfilmer sind sich für gewöhnlich zu schade, eine optimistische Heilsgeschichte zu erzählen. Van Sant nimmt hier das Don't Worry des Titels ernst, was insofern tückisch ist, als es die klassische Spannungsdrama­turgie der Sorge um Rehabilitation außer Kraft setzt. Sein Film entfaltet sich vielmehr atmosphärisch. Ihm ist ein Boden des Irrealen eingezogen. Johns Mentor bei den AA-Treffen, der reiche Erbe Donnie (Jonah Hill ist ein hinreißender Besetzungscoup), mutet wie eine Christusfigur an; seine Freundin Annu (Rooney Mara spielt das Amalgam mehrerer Frauen in seinem Leben) ist eine engelsgleiche Erscheinung. Phoenix wirkt in den Rückblenden wenig glaubwürdig als 21-Jähriger, und seine Perücken sind bizarr.

Aber Van Sant und den Darstellern gelingt es, ihre Figuren allmählich aus der Karikatur zu lösen. Das zeichnet auch die Wiederbegegnung mit dem Verursacher des Verkehrsunfalls (Jack Black) aus, bei der eine unverhofft ambivalente Tragik aufscheint. Der Regisseur weiß bei all dem den Cartoonisten auf seiner Seite. Sie sind einander verwandt. Der kindliche Strich besänftigt Callahans Provokationen nicht, sondern gibt ihnen Klarheit. Van Sants Gemälden und Aquarellen wiederum eignet eine Naivität, die sich auf den zweiten Blick als vielschichtig erweist. Insgeheim verhandelt »Don't Worry, weglaufen geht nicht« auch das Verhältnis von Handwerk, Kunst und dem Leben als Quelle der Inspiration.

In seiner schönsten Szene formuliert der Film dieses Motiv mit paradoxer Versöhnlichkeit aus: John fragt seine hartleibige ­Sozialarbeiterin, ob sie nicht eine Idee habe, wie er den Ku Klux Klan in einem Cartoon sympathisch wirken lassen könne – und sie gibt ihm eine kuschelige Antwort.

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