Kritik zu Die stillen Trabanten

© Warner Bros. Pictures

Thomas Stuber und der Schriftsteller Clemens Meyer sind ein Team, auf das man sich verlassen kann. Nach »Herbert« und »In den Gängen« haben sie wieder einen komplexen Film über »einfache« Leute gedreht

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Etwas sympathisch Altmodisches haftet diesem Film an. Filme mit mehreren Geschichten und gleich wichtigen Hauptpersonen sind überhaupt nicht mehr in Mode – und doch zeigt »Die stillen Trabanten«, wie sich auf ganz wunderbare Weise mehrere Lebensepisoden zu einer Aussage, einer Stimmung verbinden. Thomas Stuber hat Geschichten aus dem gleichnamigen Erzählband von Clemens Meyer adaptiert und miteinander verwoben, drei Geschichten um Annäherung und wachsende Zuneigung, ja vielleicht Liebe, mit einem vorangestellten Prolog.

In diesem findet ein Team von Arbeitern, die eigentlich die Seitenränder von Landstraßen zu pflegen haben, eine Gruppe von Flüchtigen. Unter ihnen eine Mutter, die um ihre tote Tochter weint. Das Mädchen hat wohl von einer giftigen Pflanze gegessen. Hamed (Adel Bencherif), der damals für seinen Chef Hans (Peter Kurth) gedolmetscht hat, tritt nach vielen Jahren in den Imbiss von Jens (Albrecht Schuch) ein und bestellt etwas ohne Schweinefleisch. ­Hamed stellt fest, dass sie Nachbarn sind, im selben Hochhaus wohnen. Und am Abend trifft Jens Aischa (Lilith Stangenberg), die Frau von Hamed, auf dem Flur. Sie rauchen, und von Anfang an ist etwas zwischen ihnen. Aischa heißt eigentlich Jana, wird im Verlauf dieses Films herauskommen, sie ist zum Islam konvertiert, hat viel hinter sich. Und vielleicht tragen alle Figuren die existenziellen Erschütterungen des Lebens, die wir im Prolog gesehen haben, mit sich he­rum, ohne dass der Film diese im Einzelnen enthüllt. Zumindest stecken sie fest, sind auf sich selbst zurückgeworfen. 

Von ihrem Flur schauen Jens und Aischa auf den Leipziger Hauptbahnhof, dessen Gleishalle in der Nacht leuchtet. Der spielt eine große Rolle in »Die stillen Trabanten«. Die Bahnhofskneipe ist der Anlaufpunkt von Christa (Martina Gedeck), die als Reinigungskraft bei der Bahn arbeitet und etwas verhärmt wirkt. Als sich Birgitt (Nastassja Kinski) an den Nebentisch setzt, hat Christa zwei Kirschkerne bei sich. Sie wolle sie einpflanzen in den Hof ihres Hauses, sagt sie, damit sie Kirschverkäuferin werden kann. Doch eigentlich wurden sie bei einer Kon­trolle gefunden und trugen zu einem Verweis bei. Zwei Kirschkerne als eine Vision vom Glück – »Die stillen Trabanten« hat viele solcher leisen Momente und Details, die eine ganz eigene Poesie des Alltags entfalten. 

Auch die Nacht spielt eine große Rolle. Da sind die Menschen besonders einsam, da ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben besonders groß. Und wer nachts arbeiten muss, hat sich von der Normalität des Lebens verabschiedet, ist ein Herausgefallener. Erik (Charly Hübner) dreht Nacht für Nacht seine Runden als Wachmann um Unterkünfte, in denen Flüchtige leben. Und Nacht für Nacht sitzt Marika (Irina Starschenbaum, die in »Leto« mitgespielt hat), auf einer Schaukel. 

Schaut man sich die Berufe der Figuren in deutschen Filmen der letzten Jahre an, so sind das, um nur ein paar zu nennen, Werbefachmann, Journalist, Universitätsprofessor, Wissenschaftlerin, Studentin oder Influencerin. Der deutsche Film ist mitunter ein langweiliges Mittelstandsphänomen. Das war in den Filmen von Thomas Stuber, die nach Vorlagen von Clemens Meyer entstanden sind, immer schon anders, man denke an den Ex-Boxer und Geldeintreiber in »Herbert« oder die Supermarktangestellten in »In den Gängen«, selbst in seiner Horrorserie »Hausen« ist die Hauptfigur ein Hausmeister im grauen Kittel. Es ist nicht einfach, »einfache« Menschen zu zeichnen (und zu spielen!), doch Stuber und Meyer gelingt das mit Bravour. Und nach diesem Film wissen wir, dass auch Malocher Träume und Visionen haben und eigentlich ganz zarte Menschen sind. Schon allein das macht »Die stillen Trabanten« zu einem kleinen Juwel. 

Thomas Stuber und Clemens Meyer leben in Leipzig, sind Freunde. Stuber hat ein Gespür für Atmosphäre, für Räume, Gebäude und Stadtansichten. Und für die Magie der Umgebung. Denn die stillen Trabanten sind nichts anderes als die Fenster vom Hochhaus gegenüber, die Jens Aischa beim Rauchen zeigt. Sie leuchten in der Nacht.

Meinung zum Thema

Kommentare

Sollten das die Kirschbäume sein? Die blühen doch eher weiß!

Können die Frage nicht beantworten. Wir sind nach 45 min aus dem Kino geflüchtet.

Wir haben das Kino nach 45 min verlassen und hätten das Geld lieber in einem Imbiss verfressen. Uns wäre dieser verfuschte Abend erspart geblieben, wenn eine einzige Filmkritik ehrlich gewesen wäre. Hoffentlich fallen nicht allzu viele Menschen auf diesen Schund rein.

In meinem Kino hat die Mehrheit des Publikums diesen Film als großartig empfunden. Ein Teil war aber auch enttäuscht. Mein Eindruck:
Wer "Triangle of Sadness" gut fand, fand "Trabanten" konnte mit Trabanten nichts anfangen und wer "Trabanten" gut fand, konnte mit "Triangle" nichts anfangen.

Selten einen so hervorragenden, gefühlvollen und zärtlichen Film gesehen. Bravo!

Der Film ist nicht für Alltagsmenschen, sondern eher für ein wokes intellektuelles Filmexpertenpublikum. Tolle Besetzung, aber blasse Charaktere, ungeordnete Rückblenden, unnötige Masturbationsszenen und eine fade Story haben ein Drittel der Zuschauer schon nach der Hälfte des Films veranlasst, das Kino zu verlassen. Ich habe den Film bis zum Ende gesehen. Neben einer unpassenden moralisierenden Message wirkte auch die völlig depressive Darstellung des Leipziger Arbeitermilieu sehr aufgesetzt. sehenswert waren die Nachtaufnahmen der Stadt Leipzig und des Leipziger Hauptbahnhofs .

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