Kritik zu Die schwarzen Brüder

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Im 19. Jahrhundert werden Schweizer Buben ihren armen Familien abgekauft, um in Mailand als Kaminfeger zu arbeiten: Xavier Koller hat den gleichnamigen Jugendbuchklassiker von Lisa Tetzner und Kurt Held verfilmt

Bewertung: 2
Leserbewertung
2.5
2.5 (Stimmen: 2)

Kindheit als Abenteuer. Das ist eine Formel, die im Kino aufgeht, entsprechend haben auch Filme um Kinder- bzw. Jugendbanden Konjunktur. Nach Die wilden Kerle (Franchise-Spitzenreiter mit fünf Filmen) folgte V8, es gab Die Vorstadtkrokodile, Die fünf Freunde und Die drei ???. Nachdem vor einigen Jahren ein Klassiker der Gattung, Kurt Helds Die rote Zora und ihre Bande, neu verfilmt wurde, folgt nun die Leinwandadaption von Die schwarzen Brüder, einem Roman, den Helds Ehefrau Lisa Tetzner begann und der von Held vollendet wurde.

Die Geschichte des 1941 erstmals erschienenen Werks spielt im 19. Jahrhundert, als arme Schweizer Familien ihre Kinder nach Mailand verkauften, wo sie als Kaminfegerjungen in die schmalen Schlote klettern mussten. So geht es auch Alfredo – der einzige Ausweg für seine Eltern, die Medikamente für die Mutter nach einem Unfall bezahlen zu können. Gemeinsam mit weiteren Jungen wird Alfredo in die Obhut des verschlagenen Antonio Luini gegeben. Schon die Überfahrt gibt einen Vorgeschmack auf das, was die Buben am Ziel erwartet: Als das Schiff im Sturm kentert, kommen mehrere der Jungen ums Leben. Immerhin hat Giorgio in Mailand noch Glück: Im Gegensatz zu Alfredo, mit dem er sich angefreundet hat, wird er von seinem Meister nicht misshandelt, er findet sogar eine Verbündete in dessen lungenkranker Tochter Angeletta.

Ein Film über praktizierte Gegenwehr gegen Ausbeutung, der schließlich im Triumph der Entrechteten mittels kollektiven Handelns endet – ein Film, in dem es um mehr geht als in so vielen gegenwärtigen Jugendfilmen, das weckt Erwartungen. Wenn sich das Resultat der Anstrengungen am Ende allerdings zu dem eher vagen Satz summiert, »dass man alles erreichen kann, wenn man Freunde hat«, dann nimmt sich der Film damit unangemessen zurück. Oder doch nicht, denn die Härte der Arbeit, die die Jungen zu leisten haben, wird kleingeschrieben. Das unterscheidet ihn etwa von Markus Imbodens Der Verdingbub. Wenn dann am Ende der Bösewicht auch noch mit Hilfe der Schweizer Staatsorgane seiner gerechten Strafe zugeführt wird, gewinnt man den Eindruck, hier würden prekäre Verhältnisse vollends personalisiert. Dass Moritz Bleibtreu diesen Antonio Luini mit Furcht einflößender Narbe als verschlagenen Hallodri verkörpert, der weiß, wie man jemanden mit Worten überzeugen kann, soll zwar die Eindimensionalität seiner Figur unterlaufen, aber leider hat er keine Entsprechung bei den Jugendlichen, die kaum voneinander unterscheidbar sind. Man kann dem Film zugutehalten, dass er auf Slapstick­einlagen verzichtet, aber in der Erinnerung, schon kurz nach dem Sehen, reduziert er sich auf eine in schönen Bildern allzu glatt ablaufende Geschichte, in der auch eine Bande von Mailänder Straßenjungen am Ende schnell umschwenkt und die Sache der Schwarzen Brüder unterstützt.

Von dem Schweizer Regisseur Xavier Koller, der 1991 für seinen Film Reise der Hoffnung mit dem Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film ausgezeichnet wurde und seitdem in den USA arbeitet, hätte man einfach mehr erwartet.

Meinung zum Thema

Kommentare

ich woellte auch so einen film nicht sehen wollen. was brennt sich da umunkehrbar im sinn fuer arbeit ein.
naechtlichen gruss schiller

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