Kritik zu Die Königin und der Leibarzt

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Mit gleich zwei Silbernen Bären – für Drehbuch und Hauptdarsteller – wurde das dänische Kostümstück um den Aufklärer Johann Friedrich Struensee auf der Berlinale bedacht, ein Liebesdrama zwischen Aufklärung, Besessenheit und höfischer Intrige

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Dänemark im Jahr 1766. Die Aufklärung ist noch jung, Europa beginnt ganz vereinzelt einen intellektuellen Aufbruch, doch der Norden will davon nichts wissen. Leibeigenschaft der Bauern, absolutes Recht der Herrschenden und Bigotterie bestimmen das Leben. Die junge englische Baroness Caroline Mathilde (Alicia Vikander) wird aus taktischen Gründen mit dem dänischen König Christian VII. (Mikkel Boe Følsgaard) verheiratet, den sie nie zuvor gesehen hat. Was, wenn er mir nicht gefällt, sinniert sie auf der Reise und ringt ihre Bedenken sofort nieder: Er ist der König, warum sollte er mir nicht gefallen?

Dabei ist Skepsis durchaus angebracht. Christian nämlich ist »verhaltensauffällig«, wie man heute sagen würde, ein ungezogenes Kind im Körper eines Erwachsenen, das ganz seinen kuriosen Einfällen und einem egozentrischen Hedonismus frönt. Ein Rat von Adligen und Berufenen kümmert sich derweil um die Regierungsgeschäfte. Desillusioniert sorgt Caroline für den Stammhalter, um fortan in Ruhe gelassen zu werden. Doch dann kommt der Arzt Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen) an den Hof, der das Vertrauen des Königs gewinnt, ihm zu einer Reifung und zu Selbstbewusstsein verhilft. Der Rat wird entmachtet, fortan bestimmt Struensee als Berater die Politik und lässt die Aufklärung Einzug halten in Dänemark. Hätte er sich nicht in die Königin verliebt und mit ihr eine Affäre begonnen, er wäre als großer Reformer in die Geschichte eingegangen.

Nikolaj Arcel, der Drehbuchautor der Millennium-Trilogie, hat hier vor allem auf Ausstattung Wert gelegt. Die verschlungenen Gänge im Schloss, die geheimen Treppen hinter Wandbehängen, die opulenten Festmahle und die ärmlichen Bauern sind sein visuelles Material. Dahinter zurück bleiben die Charaktere, sie werden auf ihre politische Motivation und ihr Schicksal reduziert, aber nicht wirklich mit Leben gefüllt. Selbst die Liebesszenen wirken wie ein Teil des Dekors.

Was man aus den Figuren hätte machen können, führte Per Olov Enquist in der Vorlage, dem grandiosen Roman »Der Besuch des Leibarztes« beispielhaft vor, Nikolaj Arcel aber bleibt offenbar bewusst an der Oberfläche. Bravourös inszeniert er ein Räderwerk von Intrigen und Seilschaften, die den Begriff Regierung ad absurdum führen. Die Krankheit des Königs ist in diesem Ränkespiel ein beliebiger Faktor, ebenso wie die Affäre der Königin. Aufklärerische Werte wie die Abschaffung der Prügelstrafe und das Recht auf freie Meinungsäußerung werden sogar von den Betroffenen bekämpft. Politik ist in diesem Rahmen die Manipulation derer, auf die man zur Umsetzung seiner Pläne angewiesen ist. Wenn schließlich das Volk gegen Struensee zu Felde zieht, zeigt sich wieder einmal, dass Revolutionen nicht von oben kommen können.

Obwohl Mikkel Boe Følsgaard als Christian auf der Berlinale als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, ist es doch Mads Mikkelsen, der mit seinem schrägen Gesicht, den immer etwas zu traurigen Augen und dem kraftvollen Unterkiefer den Film trägt.

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