Kritik zu Die Insel der hungrigen Geister

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Der idyllische Name steht im Gegensatz zu den Taten, die hier vollbracht werden: Dokumentarfilmerin Gabrielle Brady zeigt die Zustände auf der Weihnachtsinsel, wo Australien Asylbewerber und Flüchtlinge interniert

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Zunächst hört man nur Laute. Das Zwitschern von Vögeln, das Surren von Insekten, das Rascheln von Blättern. Ein Dschungel in der Nacht. Dunkel, undurchdringlich und auch ein wenig unheimlich. Dann wechselt die Perspektive von den Bäumen auf einen Mann, der über einen hohen Zaun geklettert ist. Ein Flüchtling im doppelten Sinne, aber das weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht. Erst einmal ist er nur ein Mann, dem es gelingt, aus einem Lager zu entkommen. Im Schutz der Nacht läuft er durch den Urwald. Zunächst noch planvoll, mit seinen Kräften haushaltend. Doch seine Bewegungen werden immer ungleichmäßiger. Eine tiefe Verzweiflung, die er, alle Geräusche des Urwalds übertönend, aus sich herausschreit, hat von ihm Besitz ergriffen.

Gabrielle Bradys Langfilmdebüt beginnt wie ein Abenteuerfilm. Erinnerungen an Fred Zinnemanns Adaption von Anna Seghers' »Das siebte Kreuz« mischen sich unter die Bilder aus dem Urwald. Nur erzählt die australische Filmemacherin keine dramatische Fluchtgeschichte. Sie feiert nicht die Widerstandskraft eines Verfolgten, der letztlich über ein mörderisches System triumphiert. In ihrer Dokumentation über das Leben auf der von Australien verwalteten Weihnachtsinsel gibt es anders als in Zinnemanns Drama keinen Hoffnungsschimmer.

Die Barbarei, von der Brady berichtet, vernichtet die Menschen nicht direkt, sie raubt ihnen nur alle Hoffnung und Kraft, so dass sie entweder kapitulieren oder gänzlich zusammenbrechen. Eine, die nach und nach an dem von der australischen Regierung etablierten System scheitert, ist die Traumatherapeutin Poh-Lin Lee, die mit ihrer Familie auf die Weihnachtsinsel gezogen ist, um die Insassen des dortigen Lagers zu betreuen. Australien interniert auf der Insel Asylbewerber und geht dabei mit ungeheurer Rücksichtslosigkeit vor. Familien werden getrennt. Die Aufenthaltsdauer im Lager ist unbegrenzt; die dortigen Verhältnisse vertiefen die traumatischen Erfahrungen noch einmal. Lees Bemühungen, die psychische Last ihrer Patienten zu lindern, werden durch die immer repressiveren Maßnahmen des Staates konsequent zunichtegemacht.

Die Therapiegespräche, die der Film auf eine beeindruckend dezente Weise begleitet, zeugen zugleich von der Notwendigkeit wie von der Vergeblichkeit der Sitzungen. Michael Lathams Bilder, die aus Unschärfen wie aus extremer Nähe eine ganz eigene Poesie erschaffen, fangen dabei den Schmerz der Internierten auf eindrucksvolle Weise ein, ohne deren Privatsphäre zu verletzen.

Brady weitet die Perspektive des Films so geschickt, dass das Publikum emotional und analytisch auf das Gezeigte reagieren kann. Drei verschiedene Migrationsbewegungen, die der roten Krabben, die jedes Jahr aus dem Dschungel zur Küste der Insel wandern und dabei von Menschen beschützt werden, die der Flüchtlinge aus Krisengebieten und die der ersten chinesischen Arbeiter, die vor etwa 100 Jahren auf die Weihnachtsinsel gekommen sind, verschränken sich zu einem komplexen Panorama. Letztlich dreht sich alles um die Prioritäten, die wir als Einzelne wie auch als Gesellschaft setzen. Es reicht nicht, sich nur über die australische Politik zu entrüsten, ohne die eigene Rolle innerhalb des Systems infrage zu stellen.

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