Kritik zu Die Goldfische

© Sony Pictures

In seinem Regiedebüt gelingt dem Produzent Alireza Golafshan eine erfrischend respektlose Komödie zum Thema Behinderung

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Oliver steht im Stau. Irgendwo auf dem Land windet sich eine lange Blechschlange an besonnten Wiesen vorbei, allein die Muße, diesen Anblick zu genießen, mal tief durchzuatmen, fehlt ihm völlig. Er ist Anlagemanager und steht vor einem wichtigen Abschluss, die Kollegen in der Firma drängen, also was soll's, die Gegenspur ist völlig frei, das Auto sehr schnell, also aufs Gas getreten... Als Oliver wieder erwacht, hat sich sein Leben radikal verändert. Vom Bauch abwärts gelähmt sitzt er im Rollstuhl und versucht zunächst so weiterzumachen wie bisher, sein Handicap bleibt in der Skype-Konferenz mit dem Kunden schließlich außerhalb des Bildausschnitts, wenn nur das Wlan in der Reha-Klinik besser wäre... Schon klar, der Mann braucht nicht nur eine oberflächliche Reha, sondern eine tiefgehende Lektion fürs Leben, und die kommt in Gestalt einer Therapie-WG von Menschen mit Behinderungen auf ihn zu, die wie im Kindergarten mit einem Tiernamen versehen ist: die Goldfische. 

Komödien mit Behinderten und anderen Benachteiligten sind tückisch, vor allem weil sie meist zu gut gemeint sind und sich political correctness mit den Gesetzen einer Komödie schlecht verträgt. Mit seinem Spielfilmregiedebüt legt der Produzent Alireza Golafshan jetzt nach. »Die Goldfische« ist eine erfrischend respektlose und zugleich herzerwärmend komische Komödie, in der der Alltag von Menschen mit Behinderungen durch ein extremes Szenario auf Komödienspitzen getrieben wird, so angstfrei wie das sonst eigentlich nur Amerikaner wie die Farrelys können. 

Oliver (Tom Schilling) hat ein Luxus-Problem, er muss schleunigst sein Schweizer Schließfach räumen, bevor Finanzamt und Polizei sich die 1,2 Millionen Euro darin schnappen, was natürlich nicht so einfach ist, wenn man im Rollstuhl sitzt und auf Hilfe angewiesen ist. Doch dann beobachtet er wie einer der Goldfische, die blinde Magda (Birgit Minichmayr) im Supermarkt ziemlich dreist ein paar Flaschen Whiskey klaut. Offenbar muss man als Mensch mit Behinderungen nicht fürchten, an der Kasse aufgehalten zu werden. Man profitiert von einer gewissen Narrenfreiheit. Ein Bus mit Behinderten, denkt sich Oliver also, wird an der Grenze sicher nicht auf unerlaubte Devisen durchsucht. Aus diesem Gedanken strickt Alireza Golafshan die herrlich absurde Idee eines Gruppenausflugs zu einer Kamel-Therapie-Sitzung (!) in der Schweiz (!). So beginnt eine abenteuerliche Exkursion der fünf Goldfische und ihrer beiden Betreuer, in deren Verlauf nicht nur die Menschen mit Behinderungen, sondern auch das Geld allerlei Metamorphosen durchläuft. Zahlt Oliver anfangs noch zähneknirschend Bestechungssummen, zum Beispiel an den von Kida Khoda Ramadan verkörperten Pfleger, werden die Scheine spätestens beim Luxusboutiquen-Einkauf für das beherzte Down-Mädchen Franzi (Luisa Wöllisch) zum Glamour- und Glücksbringer, und erst recht auf dem Jahrmarkt, wenn sie dem verschlossenen Michi (Jan Henrik Stahlberg) in luftigen Höhen aus der Bauchbinde flattern. Die Komik entsteht dabei aus der Reibung zwischen Erwartung und Realität, zwischen beschränkendem Vorurteil und beflügelnder Lebenslust. Dass der Witz nie auf Kosten der Menschen mit Behinderungen zündet, hat mit der liebevollen Zärtlichkeit des Blicks zu tun, mit dem Alireza Golafshan von ihrem Anderssein erzählt, das mal Handicap und mal Chance ist, mit dem ganz besonderen Licht, in dem er seine gar nicht so hilflosen Schützlinge zeigt. Und dem beherzten Spiel eines großartig aufeinander abgestimmten Ensembles, in dem Jella Haase und Axel Stein unbedingt noch erwähnt werden müssen.

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