Kritik zu Die getäuschte Frau

© Zorro

Der – nach »Hemel« – zweite Spielfilm der niederländischen Filmemacherin Sacha Polak zeigt erneut eine Frau, für die die Welt aus den Fugen geraten ist

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3 (Stimmen: 2)

Ein Tableau, an dem die Surrealisten ihre Freude gehabt hätten. Ein Auto ist von der Straße abgekommen und in einem schmalen Fluss gelandet. Wahrscheinlich wollte die Fahrerin dem Geparden ausweichen, der mitten auf der verlassenen Landstraße steht. Nun steigt sie aus dem Wagen und sieht zu dem majestätischen Raubtier, das ihren Blick ungerührt erwidert. Schließlich verschwindet diese seltsame Szene, die auch eine moderne Variation auf ein Detail aus einem Gemälde von Hieronymus Bosch sein könnte, in einer Schwarzblende.

Ein Prolog, der keiner sein will, in einem Film, der dann sogleich zum zweiten, »Hund« überschriebenen Kapitel springt. Nichts fügt sich bruchlos zusammen. Überall gibt es Leerstellen und Lücken, die zu Spekulationen reizen, sich aber nicht füllen lassen. Die von der Niederländerin Wende Snijders gespielte Nina treibt haltlos durch Holland, Belgien und Deutschland. Meist ist sie auf Autobahnen unterwegs. Wenn sie Halt an einer der Raststätten entlang der Strecke macht, scheint sie immer etwas oder jemanden zu suchen. Wahrscheinlich den Mann, der gleich einem Phantom gelegentlich in ihrem Blickfeld auftaucht und dann sofort wieder verschwindet.

Einmal verfolgt Nina einen Mann. Sie stellt sich hinter ihn, riecht an seinen Haaren und seiner Kleidung, um sich schließlich an ihn zu schmiegen. Sie drängt sich regelrecht in seinen Arm. Er lässt es zunächst einfach geschehen, ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen. Irgendwann dreht er ihr dann doch seinen Kopf zu und zieht angesichts der Fremden den Arm weg. Dieser Moment verströmt an sich schon eine absonderliche Atmosphäre. Aber die niederländische Regisseurin Sacha Polak geht in »Die getäuschte Frau« immer noch einen und noch einen Schritt weiter, bis sich ein Gefühl der Verunsicherung in einem festsetzt.

Jeder Augenblick, wenn nicht gar jede einzelne Einstellung verstärkt noch die Ambivalenz. Alles ist denkbar. Die Trauer über den Tod des Mannes, mit dem sie zehn Jahre zusammen war, der sie zehn Jahre lang belogen hat, reißt Nina in ein schwarzes Loch, das alle anderen Emotionen auslöscht. Ihre Tochter setzt sie bei der anderen Familie ihres Mannes aus, von der sie bis zu dessen Tod nichts gewusst hatte. Etwas später kehrt sie dann noch einmal zu dem Haus der zweiten, fremden Familie zurück und entführt deren Hund. Doch auch diese Chronologie erschließt sich erst spät, in der zweiten Hälfte des Films, die zugleich das erste Kapitel der Erzählung ist.

Nicht nur die Ereignisse, auch die Gefühle, von denen »Die getäuschte Frau« in bedrückend engen Bildern erzählt, sind im eigentlichen Sinne unfassbar. Sie lassen sich nicht in Worten ausdrücken. Selbst Frank van den Eedens Großaufnahmen von Wende Snijders ausdruckslosem Gesicht können nur eine Ahnung von dem Schmerz vermitteln, den Nina empfinden muss. Sacha Polak und ihr Kameramann bedrängen Wende Snijders regelrecht und prallen doch immer wieder an ihr ab. Nähe und Distanz werden eins. Man ist ganz an Nina dran und kommt doch niemals an sie heran.

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