Kritik zu Der unverhoffte Charme des Geldes

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Ein kapitalismuskritischer Paketbote muss herausfinden, was er mit einer ihm zufällig in die Hände geratenen reichen Beute macht: In Denys Arcands neuem Spielfilm tun sich ein Philosoph, ein Ex-Knackie und ein Escortgirl zusammen, um das System auszutricksen

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Waren viele große Dichter und Philosophen eigentlich Idioten? Sind die 63 Millionen Trump-Wähler debil? Belohnt die Vorsehung den Gerechten? Über solchen Fragen brütet Pierre-Paul. Der junge Mann ist promovierter Philosoph, arbeitet in Montreal aber als Kurierfahrer, weil sogar die besser verdienen als Assistenzlehrer. In seiner Freizeit engagiert er sich bei der Obdachlosenhilfe; nie geht er an Bettlern vorbei, ohne etwas zu geben.

Der frankokanadische Regisseur Denys Arcand stellt einen durch und durch guten Menschen in den Mittelpunkt seines neuen Spielfilms »Der unverhoffte Charme des Geldes«: Pierre-Paul folgt ethischen Prinzipien und hat zudem immer ein Klassikerzitat auf den Lippen. In Schwierigkeiten gerät dieser Mann erst, als er unverhofft in den Besitz von ein paar Millionen gerät, die Beute aus einem schiefgelaufenen Raubüberfall. Sie fällt sozusagen genau vor seine Füße. Wohin, was anfangen mit dem vielen Geld? Der Kapitalismusgegner Pierre-Paul ist deutlich überfordert.

Denys Arcand ist mit Filmen wie »Der Untergang des amerikanischen Imperiums« (1986) oder auch »Invasion der Barbaren« (2003) als dezidiert gesellschaftlich denkender Regisseur ausgewiesen. Und so verbindet er in seiner neuen Kinoarbeit das Genrekino mit dem politischen Einspruch. Mag der Hauptdarsteller Alexandre Landry als Pierre-Paul auch noch so tapsig wirken, wenn er mit großen Reisetaschen voller Geld ratlos vor den Bücherwänden in seiner Wohnung sitzt – daran, dass dies kein nur lustiger Film ist, lässt Denys Arcand nie einen Zweifel. Immer wieder zeigt der Regisseur offenbar reale Obdachlose, etwa dabei, wie sie sich morgens in Hauseingängen von Montreal für den Tag fertig machen, oder aber am Ende seines Films in großen Porträtaufnahmen. Die Kriminalkomödie bietet gewissermaßen den Rahmen für Arcands filmischen Essayversuch über das Geld, den Staat und dessen antisoziale Strukturen. Dass man hier einen Finanzskandal überleben kann, einen Sexskandal jedoch nicht, spricht Bände.

Der Skandal betrifft einen einflussreichen Offshorebanker. Doch nicht nur er, die Mafia und das Finanzamt, sondern auch zwei ermittelnde Polizisten haben Interesse an der verschwundenen Beute des Überfalls. Dass sich Pierre-Paul plötzlich das teuerste Escortgirl der Stadt kommen lässt, weil diese sich Aspasia nennt wie die berühmte griechische Philosophin, macht ihn verdächtig.

Ausgiebig unterläuft Arcand das Genrekino und dessen Stereotypen ironisch. Dass sich der Päckchen ausfahrende Philosoph in die sowohl gebildete als auch reiche Hure Aspasia mit dem letztlich goldenen Herzen verliebt, ist fast schon gesetzt.

»Der unverhoffte Charme des Geldes« hat ein kleines Problem mit dem Erzähltempo: Es ist mitunter zu lässig. Ein willkommener Sidekick ist indes Rémy Girard als gerade aus dem Knast entlassenes Finanzgenie: ein untersetzter, älterer Mann mit grauem Pferdeschwanz, der während seines Freigangs Seminare über Betriebswirtschaft besuchte. Diesen Bigras »The Brain« wählt Pierre-Paul als Berater, was zu Erheiterung über manch unglückliche Mimik führt, wenn der einstige Rocker einen Businessplan vom Philosophen verlangt.

Denys Arcands Sicht auf die Gesellschaft ist hier mit zahlreichen Anspielungen etwa auf die Fifa und das IOC, auf Minister wie andere hochrangige Steuerzahler einerseits illusionslos – andererseits formuliert der Regisseur im guten Menschen à la Pierre-Paul auch ein Ideal. Dieses muss sich eben in die Verhältnisse finden, ohne sich aber zu verbiegen. »Verbrechen ja«, sagt Pierre-Paul, »aber ohne Opfer!« Es geht darum, ein System auszutricksen, in dem alles auf Erfolg und Geld zielt, und zwar genau, indem man sich seiner Gesetze ebenso bedient wie seiner Gesetzeslücken. Aspasia, Pierre-Paul und Bigras gehen diese schöne Aufgabe an. Zu wessen Gunsten am Ende – das mag jeder selbst herausfinden.

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