Kritik zu Der Solist

© Universal Pictures

Nach den beiden Literaturverfilmungen »Stolz und Vorurteil« und »Atonement« kommt Joe Wright mit seinem neuen Film in der Gegenwart an. Auf Basis der Kolumnen des »L.A. Times«-Journalisten Steve Lopez erzählt er von einer wahren Geschichte

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Ausgerechnet in den Zeiten des Zeitungssterbens entwickelt sich der klassische Journalismus zum prominenten Kinomotiv, möglicherweise aber auch gerade darum: Nachdem Russell Crowe als Reporter des alten Schlags in »State of Play« den altmodisch gründlichen Investigativjournalismus gegen den schnellen, oberflächlichen Netzjournalismus seiner jungen Bloggerkollegin verteidigt hat, spielt jetzt auch Robert Downey Jr. einen dieser Journalisten, die noch vom Geruch der Druckerschwärze umweht sind.

Während er zunehmend desillusioniert und ausgebrannt seiner Arbeit nachgeht, werden um ihn herum entlassene Redakteure aus dem Gebäude eskortiert und die Arbeitsplätze von Onlineautoren eingerichtet. Wie Crowe wirkt auch er auf sympathische Weise eine Spur heruntergekommen, in zerknautschten Klamotten, mit langen Bartstoppeln und müden Augen, in denen nur hier und da die Funken einer vielversprechenden Geschichte aufblitzen: Man merkt gleich, eine gute Story ist diesem Mann allemal mehr wert als sein Äußeres. Die findet der Kolumnist der »L.A. Times« durch Zufall auf der Straße, als ihm ein Penner auffällt, der beseelt auf einer zweisaitigen Geige spielt und dabei auf magische Weise die Kakophonien des Großstadtlebens zu sanften Harmonien bändigt. Aus der Begegnung mit Nathaniel Ayers entwickelt sich eine Kolumne, in der Steve Lopez die Lebensgeschichte eines Mannes aufrollt, der einst ein vielversprechender Student an der renommierten Julliard School war, in Folge seiner Schizophrenie aber vom Weg abkam und jetzt als Obdachloser mit einem Einkaufswagen voller Habseligkeiten durch die Straßen und über die Plätze von Los Angeles zieht.

Joe Wright nähert sich der Story mit ausgesprochen europäischer Sensibilität und dokumentarischer Neugier. Mindestens so wichtig wie die herzbewegende Geschichte vom wachsenden Engagement für das Schicksal des Musikers und die langsame Entstehung einer Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Männern ist ihm die Authentizität des Obdachlosenmilieus und des Krankheitsbildes. Statt am Ende alles im seichten Wohlgefallen aufzulösen, wagt er es, das Scheitern im Raum stehen zu lassen: So gern Steve Lopez seinem Schützling auch helfen möchte, es gelingt ihm nicht.

Jamie Foxx spielt Nathaniel Ayers wie eine Variation auf seine oscargekrönte Darstellung von Ray Charles, mit ausgeprägten Ticks und Macken. Unter den schillernden Verkleidungen und Masken werden Ayers' Angst, Unruhe und Panik geradezu physisch spürbar. Und Robert Downey Jr. verleiht seinem Steve Lopez eine menschliche Tiefe, die sich nicht zuletzt aus seinem eigenen Wissen um die Abgründe des Lebens speist. Im Zusammenspiel mit Catherine Keener als seine Redakteurin und Exfrau steigen Erinnerungen an ein anderes großes Pressepaar der Kinogeschichte auf, in »Sein Mädchen für besondere Fälle«: Auch hier besteht kein Zweifel daran, dass die beiden jenseits ihrer trockenen Sprüche sehr viel mehr verbindet als nur die gemeinsame Herkunft im Zeitungswesen, das hier noch einmal auf sanft nostalgische Weise gefeiert wird.

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