Kritik zu Der perfekte Chef

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Mit 20 Nominierungen und sechs Auszeichnungen war der Film von Fernando León de Aranoa der große Gewinner der Goya-Filmpreise. Die nur auf den ersten Blick harmlos wirkende Komödie rekapituliert eine chaotische Woche im Leben eines Unternehmers – mit Gusto gespielt von Javier Bardem

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Und er kümmert sich. Julio Blanco (Javier Bardem) scheint ein Chef aus dem Bilderbuch zu sein. Um die Belegschaft seiner Firma, die unterschiedliche Waagen herstellt, sorgt er sich väterlich, bietet sein offenes Ohr selbst bei privaten Problemen an. Da wird dann schon mal der Sohn eines altgedienten Arbeiters vor einem Gerichtsverfahren bewahrt, oder man kümmert sich um die Eheprobleme des Produktionsleiters Miralles (Manolo Solo). Dieser Mann nimmt das Familienunternehmen einfach beim Wort – mit allen patriarchalen Konsequenzen, die in diesem Film langsam und ungemein konsequent offengelegt werden.   

Doch zunächst sieht alles ganz wunderbar aus. Zwar wäre da der offensichtliche Hang zu Affären mit jungen Praktikantinnen, die Blanco ausgiebig zu pflegen scheint. Aber wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein auf die Waage. Schließlich geht es darum, das Gleichgewicht zu halten, und dafür muss eben auch mal Dampf abgelassen werden. Und nun, da die Chancen gut stehen, dass diese Firmenkultur der Herzlichkeit mit einem Wirtschaftspreis ausgezeichnet wird, muss die Oberfläche gar noch mehr schimmern. Unter die ersten drei Unternehmen hat man es bereits geschafft. Nun muss eine Kommission überzeugt werden, die sich vor Ort ein Bild machen wird. Julio will diesen Preis, wie er noch jeden Preis gewollt hat. 

Doch da ist der eben gekündigte und nun auf die Barrikaden gehende Typ aus der Buchhaltung (Óscar de la Fuente), der sich mit Plakaten, Kind und Megafon gegenüber vom Fabrikgelände festgesetzt hat. Die Eheprobleme des Produktionsleiters beginnen sich ernsthaft auf seine Konzentration im Job auszuwirken; falsche Steuerungseinheiten und daraus resultierende Lieferschwierigkeiten kommen dazu. Und Blancos heiße Affäre mit der neuen Praktikantin Liliana (Almudena Amor) erweist sich als kapitaler Fehler, in dessen Fallstricken sich der Chef mehr und mehr verheddert. 

Also beginnt es unter der eigentlich ruhigen und besonnenen Oberfläche dieses großzügigen Chefs zu brodeln. Eine Katastrophe bahnt sich an. Doch ein guter Kapitalist weiß eben selbst aus der Tragödie noch einen Profit zu ziehen. Diesem Julio Blanco dabei zuzusehen, wie er mit vermessenen Winkelzügen das freundliche Antlitz zu bewahren versucht, dabei aber allmählich die passiv-aggressive Väterlichkeit überspannt, ist lange Zeit ein großer Spaß. 

Was als leichte Komödie beginnt, wandelt sich indes zur untergründigen Studie einer Charaktermaske: »Der perfekte Chef« ist ein sommerlicher »Horrorfilm« über soziale Verhältnisse und Macht, der wie ein mit Eiswürfeln gestreckter Weißwein langsam den Kopf benebelt. 

Ohne moralischen Zeigefinger wird hier eine Autorität in lockere Bilder zerlegt, die sich freundlich durch die Hintertür hineinschleicht, nur um im passenden Moment unerbittliche Härte zu zeigen. Die faszinierende Frage, die man sich unentwegt stellt: Ist Blanco im Grunde ein guter Kerl, der durch die Umstände zu einem sozialen Monster wird? Oder schlummert unter der Oberfläche des charismatischen Mannes nicht doch ein kühler Stratege, der ganz genau weiß, wie man die Menschen in seinem Umfeld manipulieren kann?     

Das Prunkstück dieses ziemlich bösartigen und in Spanien mit dem Goya ausgezeichneten Films von Fernando León de Aranoa ist Javier Bardem. Wie es dem Ausnahmeschauspieler gelingt, den väterlichen Ton zwischen schmieriger Anbiederung und aufdringlicher Freundlichkeit zu halten, und wie er dieses Doppel dann Stück für Stück in den Abgrund der eiskalten Berechnung gleiten lässt – das ist schlichtweg atemberaubend. Gerade weil die Rolle derart inwendige Herausforderungen stellt, braucht es diese Kunst der subtilen Mimik, die hier wie ein spannendes Buch umgeblättert wird und den Blick bei Laune hält. 

Wenn der Film am Ende eine wütend-traurige Bedrohung festhält und eine mögliche Rache andeutet, will man ihn sogleich erneut sehen. »Der perfekte Chef« ist ein kühner Wurf, der als Komödie getarnt bitterböse Kritik an unseren Verhältnissen übt. Merke: Wenn der Chef dein bester Freund sein will, nimm besser die Beine in die Hand und lauf!

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