Kritik zu Der letzte schöne Herbsttag

© X-Verleih

2010
Original-Titel: 
Der letzte schöne Herbsttag
Filmstart in Deutschland: 
11.11.2010
S: 
Musik: 
V: 
L: 
85 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Mit seinem Spielfilmdebüt, der Speed-Dating-Komödie »Shoppen«, gelang Ralf Westhoff vor vier Jahren ein Überraschungserfolg, nun versucht er sich erneut im Genre Beziehungskomödien

Bewertung: 1
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Die Bezeichnung »deutsche Beziehungskomödie« ist spätestens seit dem großen Boom dieses Genres Mitte der 90er Jahre eher ein Warnsignal als ein Gütesiegel. Aber vor vier Jahren hatte Westhoff mit seinem Langfilmdebüt, der Speed-Dating-Komödie »Shoppen«, zu Recht für Aufsehen gesorgt. Die Charaktere waren pointiert skizziert, die Dialoge hatten die richtige Mischung aus alltäglichem Irrsinn und satirischer Überzeichnung, und der Kunstgriff, die Personen direkt in die Kamera sprechen zu lassen, war zwar schon damals nicht neu, passte aber gut zum Thema.

In »Der letzte schöne Herbsttag« kommt nun vor allem die Idee mit der Kamera erneut ausgiebig zum Einsatz. Wechselweise monologisiert diesmal ein Pärchen namens Claire und Leo seine Beziehungsbefindlichkeiten direkt in Richtung Zuschauer. Wir erfahren, wie die beiden sich im Fahrradladen kennenlernten, wie gegensätzlich sie eigentlich sind und was für Macken der jeweils andere hat. Dabei sind die Schauspieler fast immer nah genug am Bildrand platziert, um den Blick auf das hippe antike Büfett im Hintergrund freizugeben – zumindest wissen die beiden, wie man heute wohnt: In den Neunzigern war es das cool gestylte Loft, heute ist es der heimelige Altbau. Dazwischen sehen wir Szenen einer Beziehung, die unaufhaltsam den Bach runtergeht.

Die scheinbare Simplizität dieser Story ist dabei nicht das Problem. Vielmehr scheint Westhoff, der auch das Drehbuch geschrieben hat, der Simplizität nicht vertraut zu haben. Anstatt auf Lebensnähe setzt er auf angestrengt originelle Dialoge, was dazu führt, dass die Schauspieler allen Ernstes Sätze aufsagen müssen wie: »Ich bin ein verlorener Stern im All, und ich brauch' dich um mich rum. Aber ich habe Angst, dass meine Anziehungskraft nicht reicht.«

Nicht nur durch die Künstlichkeit solcher Dialogzeilen wirkt »Der letzte schöne Herbsttag« wie ein bewusster Gegenentwurf zum lakonischen Naturalismus von Filmen wie »Alle Anderen« oder »Mitte Ende August«, die auf sehr eigene Weise gezeigt haben, dass man lebensnah von Beziehungsproblemen erzählen kann, ohne dabei auf Humor zu verzichten. Auch in der bemühten Witzigkeit bei der Charakterzeichnung steckt eher provinzielles Drehbuchseminar als großstädtischer Kiez: Die mädchenhaft-niedliche Claire trägt lustige bunte Strumpfhosen und schicke Lederstiefel, spricht in Form von Poesiealbum-Weisheiten, steht auf viel Sex und schlägt Zeitungen, wenn überhaupt, nur zwecks Lebensberatung auf: »Ich war so verzweifelt, dass ich sogar Zeitung gelesen hab'«, sagt sie einmal ganz erschüttert, »aber da stand nicht drin, wie das Leben funktioniert! Da stand nur drin, wie es nicht funktioniert.« Fragt sich, was ärgerlicher ist: eine solche Charakterisierung für eine Frau um die 30 im Jahr 2010 oder die Annahme, dass jemand sich damit identifizieren könnte.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns