Kritik zu Der Junge mit dem Fahrrad

© Alamode

Der Mut zur Hoffnung hält Einzug in den filmischen Kosmos von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Aber das flirrend Sommerliche ihres neuen Films nimmt ihrem Blick nichts von seiner Schärfe und Hellsicht

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Eigentlich müsste es die einfachste Sache der Welt sein, den Titel für einen Film der Brüder Dardenne zu finden. Schlichtere als die, die sie jeweils tragen, kann man sich schwerlich vorstellen. Tatsächlich jedoch dauert die Suche der Brüder meist sehr lange. Der Sohn hätten sie um ein Haar, und mit gleichem Recht, Der Vater genannt. Das Kind sollte zeitweilig Das Mädchen mit dem Kinderwagen oder Der Junge mit dem Kinderwagen heißen, zwei Ideen, die die Brüder verwarfen, weil ihnen im Original das heute ungebräuchliche Wort für Kinderwagen, landau, vorschwebte. Die nächsten Titel, die sie verwarfen, lauteten Die Verbindung und Die Macht der Liebe.

Diese Titel klingen so umfassend, dass sie fast austauschbar scheinen. Dennoch passen sie jeweils ganz genau. Sie sind die Konsequenz eines Zögerns. Immerhin gibt ein Titel bereits eine Perspektive vor, stellt das Bekenntnis zu einer Hauptfigur dar. Der Junge auf dem Fahrrad benennt gleich zwei Grundimpulse im Kino der Brüder: die Parteinahme für Figuren, die heranwachsen, und für das Primat der Bewegung, das in ihren Filmen herrscht. Der Titel verweist auf die Energie, die in ihren Filmen zwischen den Körpern und den Objekten zirkuliert. Das Körperspiel ihrer Akteure filmen die Brüder mit der gleichen zärtlichen Aufmerksamkeit, die andere Regisseure Gesichtern angedeihen lassen. Ihre Charaktere sind zur Bewegung verdammt, es gibt vorerst kein stabiles Zentrum, keine Zuflucht, in der sie Ruhe finden könnten. Das Fahrrad des kleinen Cyril (Thomas Doret) beschleunigt seine Unrast. Er ist stolz auf seine meisterliche Beherrschung des Vehikels. Zugleich ist es die letzte Verbindung zu seinem Vater (Jérémie Renier), der ohne ein Wort aus seinem Leben verschwunden ist. Mit störrischer, wilder Sehnsucht forscht Cyril nun nach dessen Verbleib.

Seine Suche ist ein erbitterter Kampf gegen die Entmutigung, voll trotziger Hoffnung, wieder Vertrauen in die Erwachsenen setzen zu können. Die Friseurin Samantha (Cécile de France), in deren Arme er vor den Erziehern und der Polizei flieht, könnte diese Hoffnung erfüllen. Sie lässt es geschehen (»Du kannstmich festhalten, aber klammere nicht so«), übernimmt überraschend sogar das Mandat, seine Pflegemutter zu werden. De France darf der Figur ohne psychologische Herleitung Kontur geben. Um Cyrils Willen gibt sie sogar ihre Beziehung auf. Wer weiß, vielleicht spürt sie einfach, dass sie eine glückliche Mutter sein könnte. Ihre Beweggründe sind für denFilm irrelevant, denn sein Angelpunkt ist das selbstverständliche Recht des Kindes, Forderungen zu stellen. Mit diesem schönen, erzählerischen Willkürakt parieren die Dardennes die Grausamkeit des Vaters, der sich aus seiner Verantwortung stehlen will. Es ist herzzerreißend mit anzusehen, wie Cyril bei ihrer Wiederbegegnung um eine Geste der Zuwendung buhlt. Mit größter Einfühlsamkeit unterscheidet der Blick der Dardennes, wen von beiden dieses Betteln erniedrigt und wem von ihnen es Würde verleiht.

Die Verweigerung des Vaters ist einer jener Akte, bei denen im Verlauf eines Dardenne- Films regelmäßig eine Figur einen Teil ihrer Menschlichkeit aufs Spiel setzt. Nachdem Jérémie Renier in Das Kind seinen Sohn verkaufen wollte, weist er ihn in diesem Film ab. Die Härte seines Handelns ist in beiden Filmen gleichermaßen unerhört. Es kündigt einen naturgegebenen Pakt auf.

Fremd erscheint dieses Verhalten in den Dardenne-Filmen stets auch deshalb, weil der Blick der Regisseure sich des moralischen Urteils enthält. Man spürt, dass es sie in ihrem Empfinden zutiefst verletzt. Die Verlorenheit ihrer Figuren bekümmert sie. Sie haben sich einen Bodensatz der Hoffnung bewahrt, dass die Figuren gegen ihre eigentliche Natur handeln. Ihr Verständnis ist eines, das über die Psychologie hinausweist und die Notwendigkeit von Gnade anerkennt. Ihr neuer Film ist lichter, heller als die vorangegangenen. Zum ersten Mal haben sie im Sommer gedreht. Eine fast heitere Gelassenheit hält Einzug in ihr Kino. Das Glück ist für ihre Figuren stets der Ausnahmezustand. Es macht sie befangen. Bei dem Ausflug, den Samantha und Cyril mit dem Rad an die Ufer der Meuse unternehmen, löst sich eine Spannung. Das Leben muss im Kosmos der Dardennes nicht nur ein unausgesetzter Kampf sein. Die belgischen Puristen der Humanität haben ihn sogar für den Wohlklang der Musik geöffnet. Das Adagio aus dem zweiten Satz von Beethovens letztem Klavierkonzert besiegelt und besänftigt die Konflikte.

Zu einem Märchen wird Der Junge mit dem Fahrrad deshalb nicht. Die Bedrängnis der sozialen Verhältnisse ist nicht mit einem Mal außer Kraft gesetzt. Der Junge wird einen Raub begehen. Die Beute interessiert ihn nur als Liebespfand, mit dem er die Aufmerksamkeit des Vaters zurückgewinnen will. Die moralischen und juristischen Komplikationen, die der letzte Akt des Films bereithält, sind ebenso glaubhaft wie ihre Lösung. Sie konstruieren keine pflichtschuldige Ambivalenz, sondern sind eine Bewährungsprobe.

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