Kritik zu Den Menschen so fern

Trailer OmeU © Verleih

Der Franzose David Oelhoffen verwandelt Albert Camus’ schroffe Erzählung »Der Gast« in einen klassischen Western. Viggo Mortensen spielt einen Lehrer im bereits von Aufständen gezeichneten Algerien, der einen mutmaßlichen Mörder bis zur nächsten Polizeistation bringen soll und dabei zwischen alle Fronten gerät

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 3)

Einen Ausweg gibt es vielleicht für Daru (Viggo Mortensen), den Franzosen mit andalusischen Wurzeln, wie für Mohamed (Reda Kateb), den algerischen Bauern – aber es gibt kein Entkommen. Beide sind auf ihre Art Ausgestoßene, die in der Gemeinschaft der Menschen keinen Platz mehr finden. Daru, der Reserve­offizier, der im Zweiten Weltkrieg an der Seite von Franzosen und Algeriern gekämpft hat, sucht für sich einen solchen Platz auch gar nicht mehr. Als Lehrer, der an einer irgendwo im Atlasgebirge auf einem Hochplateau gelegenen einsamen Schule den Kindern der Bauern das Lesen und Schreiben beibringt, ist er ein Mann im freiwilligen Exil.

Diese Wahl hatte Mohamed, der aus blanker Not seinen Cousin, einen Schafdieb, getötet hat, niemals. Die Verhältnisse haben ihn zu einem Ausgestoßenen gemacht, dem nichts als der Tod bleibt, entweder aus den Händen der Familie seines Opfers oder in Form eines Todesurteils der französischen Justiz. Das eine wäre nur ein weiterer Schritt in einer Spirale aus Blut und Tod, Rache und wieder Rache, das andere ein Ende und damit eine Chance für Mohameds Familie. Aber so will es Daru nicht sehen. Der stoische Einzelgänger aus Überzeugung revoltiert, während sich Mohamed in sein Schicksal fügt.

Der Gegensatz zwischen dem Lehrer, der den Bauern bei der nächsten Polizeipräfektur der Justiz ausliefern soll, und seinem Gefangenen könnte auf den ersten Blick also kaum größer sein. Und doch sind die beiden, die für eine kurze Zeit gleichsam aneinandergekettet sind, in Den Menschen so fern, David Oelhoffens extrem freier Verfilmung von Albert Camus' Kurzgeschichte »Der Gast«, zwei Seiten einer Medaille. In der existenzialistischen Sicht der Dinge bleibt der Mensch immer ein Spielball der Umstände. Ungewollt in eine Welt geworfen, die er nicht kontrollieren kann, findet er seine Freiheit in der Einsamkeit der Auflehnung wie der Kapitulation. Allerdings fällt es schwer, sich Daru und Mohamed als glückliche Menschen vorzustellen.

Die großen amerikanischen Western von Howard Hawks und Budd Boetticher, John Ford und Sam Peckinpah waren immer auch purer Existenzialismus, Film gewordene Philosophie. Insofern lag der Gedanke, ­Albert Camus' 1954 in den Anfängen des algerischen Befreiungskrieges spielende Erzählung in einen Wüsten-Western zu verwandeln, praktisch auf der Hand. Und was für ein Western aus ihr geworden ist. Schon das karge, die Menschen gerade so duldende Atlasgebirge mit seiner spärlichen Vegetation und seinen wüstenähnlichen Tälern scheint wie geschaffen für das Genre.

Es ist eine Landschaft der Vergeblichkeit, durch und durch existenzialistisch. Die Menschen, die hier leben und trotz aller Widrigkeiten ausharren, müssen entweder wie Daru oder wie Mohamed werden. Wo es kaum mehr als Steine und Staub gibt, wo fortwährend ein feindseliger Wind weht und die Weite des Himmels vor allem von einer endlosen Leere erzählt, wird das Leben automatisch zu einem fortwährenden Kampf. Ihn zu gewinnen, scheint nahezu unmöglich. Guillaume Deffontaines erhabene Cinemascope-Bilder, die den oft majestätischen Aufnahmen aus Klassikern des Genres in nichts nachstehen, sind erfüllt von diesem Ungleichgewicht. In den Totalen wirken ­Viggo Mortensen und Reda Kateb oft geradezu winzig – zwei Verlorene, die sich, ob sie wollen oder nicht, aneinander halten müssen.

Die eigentlich gar nicht so weite Reise zur Präfektur wird, anders als noch bei Camus, in Oelhoffens Erzählung aus einem in Wut und Hass versinkenden Land zu einer wahren Odyssee. Immer wieder geraten die von der Familie des Toten gejagten Daru und Mohamed zwischen die Fronten. Erst nehmen Kämpfer der FLN, die in der Region auf dem Vormarsch ist, sie gefangen. Später landen sie bei einem Trupp der französischen Armee, der die Aufständischen gegen jedes internationale Recht einfach niedermetzelt, auch als sie sich schon längst ergeben haben. Oelhoffen folgt in diesen Szenen ganz bewusst Genrekonventionen, die zunächst von den amerikanischen, später dann von den italienischen Western der 1960er und -70er Jahre etabliert wurden, und geht dabei zugleich über sie hinaus. Camus' Existenzialismus bekommt in seiner Vision explizit politische Züge. Darus und Mohameds Irrfahrt durch einen beginnenden Krieg ist eben nicht nur Auswuchs einer absurden Welt. Sie ist vielmehr das Produkt des französischen Kolonialismus, dessen Saat aus Hass und Unterdrückung 1954 blutig aufgeht.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns