Kritik zu Das Ende der Sterne
In Ridley Scotts 30. Spielfilm hat eine Grippepandemie die Erde nahezu entvölkert. Aber der Held hat die Hoffnung nie ganz verloren. Und tatsächlich will diese Geschichte kein Apokalypsestück sein. Es geht um Trauer, um die Liebe, um einen Hund. Action ist auch drin …
Dass ein sich zur Pandemie ausbreitendes Virus weite Teile der Menschheit ausrottet, ist ein Szenario, das für viele nicht mehr allzu weit hergeholt wirkt. Doch wer nun Ridley Scotts neuen Film »Das Ende der Sterne« für eine Reaktion auf die Corona-Zeit hält, ist auf dem Holzweg. Denn die Influenza-Variante als Bedrohung für die Zivilisation hatte sich der Schriftsteller Peter Heller schon Jahre vorher ausgedacht: Sein Roman »Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte« (im Original »The Dog Stars«), auf dem der Film basiert, erschien bereits 2012.
Hig (Jacob Elordi) hat durch die Pandemie vor einigen Jahren seine Familie verloren, nun lebt der Mechaniker mit seinem geliebten Hund Jasper zurückgezogen auf einem verlassenen Flugfeld am Rande der Rocky Mountains in Colorado, Seite an Seite mit dem bärbeißigen Ex-Marine Bangley (Josh Brolin). Während Letzterer in dauerhafter Alarmbereitschaft ist und mit seinen Waffen das karge Beinahe-Idyll der beiden Überlebenskünstler beschützt, hält Hig fest an Hoffnung und Optimismus. Immer wieder fliegt er mit seiner kleinen, auf Vordermann gebrachten Cessna ins nahe, menschenleere Denver, auf den Spuren seines alten Lebens, aber auch auf der Suche nach Vorräten, von Medizin über Treibstoff bis hin zu noch haltbaren Cola-Flaschen.
Seine Flüge nutzt Hig auch, um einer kleinen, noch abgelegener lebenden Mennoniten- Gruppe zu helfen, in der viele Kinder an Symptomen des Virus zu leiden scheinen. Und manchmal begibt er sich auch bloß in die Lüfte, um den Kopf frei zu bekommen – und vielleicht wieder den offenkundig von anderen Überlebenden stammenden Funkspruch vom Grand-Junction-Flughafen zu hören, der vor einigen Jahren mal aus seinem Lautsprecher drang. Nach einem tragischen Vorfall, der ihn beinahe seinen letzten Lebensmut kostet, beschließt er endlich, Bangley zurückzulassen und herauszufinden, wer die Kurzwellennachricht geschickt hat. Ob eine Rückkehr überhaupt möglich sein wird, ist mehr als fraglich. Vor allem als er nach einem technischen Defekt notlanden muss und auf den misstrauischen Rancher Pops (Guy Pearce) und seine Tochter Cima (Margaret Qualley) trifft.
Eigentlich habe er, sagte Scott kürzlich dem britischen »Empire«, keine Lust gehabt auf eine Dystopie. »Wir drehen viel zu viele Filme über das Ende der Welt«, wird der inzwischen 88-jährige, immer noch umtriebige Regisseur zitiert, der nach seinem »Gladiator«- Sequel eigentlich ein Bee-Gees-Biopic drehen wollte, das aber nicht zustande kam. Eine Geschichte à la »The Road« oder gar die Zombies aus »World War Z« dürfe man von ihm nicht erwarten. Doch was »Das Ende der Sterne« stattdessen ist, ist nicht leicht zu beschreiben. Scotts 30. Spielfilm ist vieles gleichzeitig. Aber alles nur ein bisschen.
In größtenteils eindrucksvollen Bildern des oscarprämierten Kameramanns Erik Messerschmidt, die weitestgehend in Italien entstanden, erzählt »Das Ende der Sterne« nicht nur eine Survival-Geschichte und ein Drama über Trauer und den Niedergang der Menschheit, sondern auch von der Beziehung eines Mannes zu seinem Hund. Immer wieder aber versteht sich der Film – dank Qualleys Cima – auch als (wenngleich dünne) Romanze und als Actionthriller. Wobei nicht nur bei letzterem Aspekt das Skript von Mark L. Smith deutlich dicker aufträgt als die Vorlage und teilweise ins Groteske kippt.
Nun ist es in Zeiten des Übermaßes an Superhelden-Filmen und Remakes prinzipiell begrüßenswert, wenn ein Film sich etwas traut und mit großen Ambitionen, ja Unerwartetem daherkommt. Doch wirklich aufgehen tut die wilde Mischung hier nicht. Und so sympathisch es ist, einen durch und durch guten, aufrichtigen Protagonisten präsentiert zu bekommen, so reaktionär erscheint nicht zuletzt das Finale dieser psychologisch oft unterkomplexen Geschichte – ein Ende, das zu suggerieren scheint, konservative Regression sei das einzige Heilmittel für einen Neuanfang der Zivilisation.





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