Kritik zu Das Beste liegt noch vor uns

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Nanni Moretti veranstaltet in seiner autobiografisch gefärbten Tragikomödie eine Nabelschau der Befindlichkeit eines Arthouse-Regisseurs, der beim Filmdreh mit diversen Krisen konfrontiert wird.

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Im Jahr 1956 organisieren der kommunistische Politiker Ennio und seine Sekretärin für ihr römisches Stadtviertel das Gastspiel eines ungarischen Zirkus. Doch mit den TV-Nachrichtenbildern der Niederschlagung des Volksaufstands durch russische Panzer in Budapest kippt die Stimmung. Die ungarischen Artisten treten in Streik und bitten die Italiener um Solidarität. Ennio stürzt in eine Glaubenskrise: »Man kann nicht Kommunist sein und gegen die Sowjetunion, oder?«

Dieser Schlüsselmoment linker Desillusionierung dient als roter Faden in Nanni Morettis autofiktionalem Film, in dem er, wie zuvor u. a. in »Sogni d’Oro« (1981) und »Liebes Tagebuch …« (1993) erneut eine Nabelschau der eigenen Befindlichkeit und des Biotops, in dem er sich bewegt, betreibt. Als viel bewunderter »Old school«-Arthouse-Regisseur Guido spielt sich der 72-Jährige wie gehabt selbst. Voller Enthusiasmus stürzt er sich in die Dreharbeiten zu seinem im Schicksalsjahr 1956 angesiedelten Film. Doch zu den erwartbaren Querelen – die Hauptdarstellerin nervt durch ihre eigene Interpretation ihrer Rolle, bei den Zirkuselefanten gibt’s Logistikprobleme – kommt eine familiäre Krise. Seine Frau, seit 40 Jahren ergebene Mitarbeiterin, droht, sowohl privat wie künstlerisch von der Fahne zu gehen. Und dann geht auch noch der französische Produzent von Guidos Film pleite.

Es ist gekonnt, wie Moretti die hürdenreiche Entstehung eines Films als Spiegel des eigenen Schaffens nutzt und nebenbei, leicht und liebenswürdig, den gegenwärtigen Zustand der Branche reflektiert. Im Film-im-Film kommentieren sich Fiktion und Realität gegenseitig. In Tag- und Alpträumen erinnert sich der alternde Maestro an die Energie seiner Jugend. Eine Flut von mal ulkigen, mal ironischen Verweisen auf die großen Vorbilder, neben Fellinis »Achteinhalb« die Nouvelle Vague, Verweise auf neuere Arthouse-Meisterwerke und zuletzt sogar ein Anruf bei Martin Scorsese zeigen das Selbstbewusstsein eines Cineasten, der sich als Teil der Filmgeschichte begreift. Und ist die als Rettung angepriesene Netflix-Maschine, deren Manager in jedem zweiten Satz ihr Mantra »Wir bedienen 190 Länder« vorbeten, nicht der große Zerstörer der Filmkunst? Doch im globalen Filmbetrieb finden auch eigensinnige Auteurs, die wie das kleine gallische (hier römische) Dorf der Gleichmacherei widerstehen, ihre Nische. Die kommunistische Parole einer »strahlenden Zukunft«, auf die sich der Filmtitel bezieht, ist hier immer noch eine Verheißung. So setzt Regisseur Guido à la Tarantinos »Inglourious Basterds« der trüben Realität ein sonniges, fiktives Happy End entgegen, in dem die Liebe stärker ist als die Ideologie. Traumtänzer, Spielkind, chronischer Besserwisser: Morettis Selbstinszenierung vollzieht sich wie auf Autopilot und ist in ihrer nostalgisch angehauchten Niedlichkeit und angetäuschten Selbstironie letztlich etwas ermüdend. Wenn die Filmcrew alte Schlager singt und tanzt, ist das eben immer das gleiche Lied. Fast möchte man da der alerten Netflix-Managerin zustimmen, die den Altmeister fragt, wo der »What the fuck«-Moment im Drehbuch ist.

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