Kritik zu Dao
Der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis erzählt von den Verbindungen zwischen Kulturen und Generationen sowie den Nachwirkungen des Kolonialismus. Dabei sprengt er die Grenzen von Fiktion und Dokumentation.
Was bedeutet Dao? »Eine ewige und kreisförmige Bewegung, die in allem fließt und die Welt vereint.« Mit dieser als Texttafel eingeblendeten Definition beschreibt sich der gleichnamige Film von Alain Gomis direkt zu Beginn selbst. Dao gibt es also schon vor dem Film. Ein Kreis, ein Fluss, eine vereinte Welt. Das klingt erst mal sympathisch. Nachdem die Texttafel verschwunden ist, sehen wir eine Castingsituation: Männer und Frauen sitzen vor der Kamera auf einem Stuhl in einem leeren Raum. Sie sprechen mit dem Regisseur Alain Gomis, der auf der Tonspur erklärt, was er vorhat. Er möchte sie kennenlernen, sie miteinander bekannt machen und versuchen, aus ihnen eine Familie zusammenzubauen. Also finden sich vor der Kamera Mutter Gloria (Katy Correa) und Tochter Nour (D’Johé Kouadio), gememeinsam mit ihrer gespielten Familie, die im Arbeitsprozess zu einer Art richtigen Familie wird. Gemeinsam werden sie an zwei verschiedenen Orten, in Paris und in einem Dorf in Guinea-Bissau, zwei verschiedene Festivitäten erleben: eine Hochzeit und eine Todeszeremonie.
Das Casting ist direkt zu Beginn die entscheidende Setzung des Films. »Wie geht’s dir? Wer bist du?« Die Fragen sollen nicht den dokumentarischen Charakter dieses Anfangs betonen, sondern werden als Ausgangspunkt für den Film begriffen. Das Casting funktioniert nicht als Metakommentar zum eigenen Filmemachen, sondern zeigt, dass ein Film schon im ersten Gespräch der miteinander arbeitenden Personen beginnt. Die Unterscheidung zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen wird beiseitegeschoben, Fragen und Antworten lassen sich nur im Spiel und in der Montage finden. Die Körper, die sich durch den Film bewegen, probieren sich vor der Kamera aus, allein und miteinander. Ihre Identitäten sind von Anfang an brüchig. Sie bleiben im Spiel auf der Bühne des Films sie selbst und werden gleichzeitig zu jemand anderem.
Nachdem wir nach knapp neun Minuten den Castingraum zum ersten Mal verlassen, ist der Film schon längst in Bewegung gesetzt worden. Wir sind mittendrin und wechseln die nächsten 180 Minuten permanent zwischen Castingraum, Paris und einem Dorf in Guinea-Bissau. An allen Orten treffen wir Mutter und Tochter und auch den Rest der Familiencrew. Lineare Zeitlichkeit spielt keine Rolle, an ihre Stelle tritt ein von der Musik bestimmter Rhythmus, der nicht geografisch oder narrativ motiviert ist.
Gomis’ Film verschreibt sich weder einer westeuropäischen noch einer westafrikanischen Perspektive. Hier schaut nicht Westafrika nach Paris oder umgekehrt. Dao denkt darüber nach, wie sich beide Orte miteinander verbinden lassen, ohne die Differenz zwischen Frankreich als einer der großen Kolonialmächte in Afrika und Guinea-Bissau als einem erst seit 1973 von seiner Kolonialmacht Portugal unabhängigen Staat zu verwischen. Vielmehr diskutieren die Familienmitglieder permanent direkt oder indirekt dieses Verhältnis, ohne dass dies plottechnisch ausgeschlachtet werden muss.
Der Film lässt sich von den Stimmungen und Situationen treiben, die seine Darsteller*innen produzieren. Ritual, Hochzeit, Geisteraustreibung, Familienstreit, Party: Diese Situationen lassen sich nicht so ohne weiteres festnageln, sondern werden in ihrem Fluss beobachtet und auf der Schnitt- und Soundebene miteinander verbunden. Jeder Ort hat seine eigene Geschwindigkeit. Es geht dabei auch nicht um eine Harmonisierung beider Orte, die Welt lässt sich ja nun mal nicht einfach so vereinen, sondern um ein gegenseitiges Beobachten über die gespielt-echte Familie. Dabei kommt der Film auf schöne Art und Weise nicht zum Punkt, weil er keinen Punkt setzen, sondern sich von der Festatmosphäre in Europa und Afrika mitreißen lassen möchte. Die Musik wird lauter, die Hochzeitsfeier geht zu Ende, ein Abschied vom Vater, ein Haus wird gebaut. Der Sound läuft über den Abspann hinaus. Ein Film endet, die kreisförmige Bewegung läuft weiter.




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