Kritik zu Dallas Buyers Club

© Ascot Elite

2013
Original-Titel: 
Dallas Buyers Club
Filmstart in Deutschland: 
06.02.2014
L: 
116 Min
FSK: 
12

Der unwahrscheinliche Held: Jean-Marc Vallée verfilmt die wahre Geschichte von Ron Woodroof, der als Aidspatient in den 80er Jahren einen Handel mit illegalen Medikamenten aufzog

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 7)

Man kann zurzeit viel darüber lesen, wie Matthew McConaughey sich in den letzten Jahren als Schauspieler neu erfunden hat: vom ewigen Sonnyboy zum wandlungsfähigen Charakterdarsteller. Dabei werden seine frühen Schlüsselrollen in Lone Star, Contact und Amistad häufig übersehen, und rückblickend muss man eher Filme wie Wedding Planner und Zum Ausziehen verführt als eine Art Zwischenspiel in McConaugheys Karriere betrachten. Trotzdem prägten sie sein Image, das er als schmieriger Stripper in ­Magic Mike und als abgrundtief perverser Cop in Killer Joe gezielt konterkarierte. Manchmal wirkte das etwas forciert, zumal er in Soderbergh und Friedkin Regisseure hatte, die dem Affen gerne Zucker gaben.

In Dallas Buyers Club ist davon nichts mehr zu spüren. Der ausgestellte Wille zum Imagewechsel weicht hier einer Natürlichkeit des Spiels, bei der McConaughey sämtliche Manierismen ablegt und gänzlich hinter der Rolle verschwindet. Er verkörpert den Texaner Ron Woodroof, der Mitte der 80er Jahre durch eine unorthodoxe Initiative im Kampf gegen Aids für Furore sorgte. Filmreif wird seine Geschichte nicht zuletzt deshalb, weil er dem Klischee des »White Trash«-Amerikaners entspricht, der für Aidsopfer und Schwule nur Verachtung übrighat: Ein Rodeofan aus dem Trailerpark, der sich mit wenig wählerischen Frauen vergnügt. Als er erfährt, dass er HIV-positiv und bereits an Aids erkrankt ist, will Woodroof die Diagnose zunächst nicht glauben. Er hielt Aids für eine »Schwuchtelseuche«. Bald aber kommt er zur Besinnung und denkt überhaupt nicht daran, einfach aufzugeben. Auf illegalem Weg besorgt er sich ­Medikamente, die in den USA noch nicht zugelassen sind, die seinen körperlichen und geistigen Verfall jedoch deutlich verlangsamen. Woodroof wittert ein Geschäft: Er nutzt ein gesetzliches Schlupfloch und gründet gemeinsam mit einem Transsexuellen (Jared ­Leto) einen Verein, der Aidspatienten mit nichtzugelassenen Präparaten versorgt – natürlich gegen eine hohe Mitgliedsgebühr. Aber trotz der Behandlungserfolge geht die amerikanische Gesundheitsbehörde massiv gegen den »Dallas Buyers Club« vor.

Der frankokanadische Regisseur Jean-Marc Vallée umgeht bei der Inszenierung dieser Geschichte sämtliche sentimentalen Fallstricke und verklärt Woodroofs Initiative auch nicht zu einer amerikanischen Erfolgsstory. Fast wirkt es, als fürchte Vallée den Vorwurf einer zu starken Emotionalisierung dieses noch immer sehr emotionsgeladenden Themas. Er schildert den Lauf der Ereignisse so betont nüchtern, dass man sich bisweilen sogar etwas mehr »Drama« wünschen würde. Zugleich wirkt der sachliche Stil umso nachhaltiger bei der Beschreibung einer Zeit, in der die Ausbreitung des Virus zu einer tiefen gesellschaftlichen Verunsicherung führte. Wood­roofs Erfolge haben denn auch nichts Triumphales, sondern machen vielmehr die Absurditäten eines Gesundheitsapparats deutlich, der unheilbare Patienten zu juristischen Winkelzügen zwingt. Und mit seinen Fragen nach der Verantwortung von Staat und Pharmaindustrie gegenüber todkranken Menschen wird Dallas Buyers Club ganz nebenbei auch zu einem politischem Film.

Gemäß der Idee, dass man kein Held sein muss, um zu helfen, bleibt McConaugheys Ron Woodroof bis zum Schluss ein zutiefst ambivalenter Charakter. Er verliert weder seine grundsätzlichen Ressentiments, noch wird er aus reiner Nächstenliebe zum »Apotheker« der Aidspatienten. Ihm geht es um das eigene Wohl – und natürlich um Geld. Woodroof mag ein gewisses Maß an Toleranz und Mitgefühl entwickeln, aber im Herzen bleibt er der ­Zocker, als den wir ihn zu Beginn kennenlernen: Als zwei wohlhabende Schwule ihm kos­tenlos eine alte Villa als Clubzentrale überlassen, glaubt er zunächst an einen schlechten Scherz. Nur in einer einzigen, dramaturgisch sehr pointiert gesetzten Szene darf Mc­Conaughey seinen jungenhaften Charme spielen lassen. Aber gerade die gelegentlichen Rückfälle in eine jahrelang gelebte Weltsicht machen seinen Ron Woodroof so menschlich. Vallées und McConaugheys Stärke liegt darin, ihn als Kapitalisten und Humanisten zugleich zu porträtieren. Zunächst aus den vielleicht falschen Gründen hat Woodroof das Richtige getan. Darauf kommt es an.

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