Kritik zu Contact High

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Michael Glawoggers psychedelisches Roadmovie beruht auf der These vom »Contact High«: Ein ganz und gar nüchterner Mensch kann einen Drogenrausch empfinden, wenn er jemandem begegnet, der eine psychedelische Droge genommen hat

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In John Bassett McClearys 700-Seiten-Grundlagenwerk »The Hippie Dictionary« wird das Phänomen erklärt: Das »High« des einen infiziert den anderen. Ein »Contact High«, entnimmt man dem Presseheft zu Glawoggers »Contact High«, sei vor allem beim Konsum psychedelischer Substanzen sowie »empathogener Stoffe« zu beobachten. Bei Kokain, Speed und Heroin funktioniere es nicht. Erst recht nicht beim Alkohol. Michael Glawogger und Michael Ostrowski haben ein Drehbuch geschrieben, das man als schamlos, drogenvernarrt und jugendgefährdend anprangern kann. Andererseits muss man lange suchen, bis man einen Film findet, der sich so konsequent in einen Spielrausch steigert und einem Weg folgt, der vorgegeben ist von magischen Pilzen und der Musik von, unter anderem, Calexico, Roxy Music und Sven Regener.

Im Zentrum steht eine Tasche. Die will der in Mexiko lebende Carlos (Jeremy Strong) von seinen Wiener Leuten in Lodz abholen lassen. Der Auftrag liegt bald in den Händen einer skurrilen Truppe. Harry (Detlev Buck) ist ein blondierter, auf ganze Kerle stehender Autohändler. Max (Michael Ostrowski) und Johann (Raimund Wallisch) arbeiten in der Imbissbude »Wurst & Durst«. Im Organismus von Schorsch (Georg Friedrich) kann man einen Drogenmix nachweisen, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Blondschopf Schorsch fährt einen 67er Ford Mustang. Die Figuren eint ihre Erfolgs- und Intelligenzlosigkeit ebenso wie ihr pathologischer Starrsinn. Das, verbunden mit dem ansteckenden Konsum psychedelischer Substanzen, ist Garant für einen Trip der besonderen Art von Österreich nach Polen. Endstation übrigens: Drogomysl.

Schon früh im Film steigen kleine, surreal animierte Blasen auf. Wolfgang Thalers und Attila Boas Kameras verabschieden sich schnell aus der Wirklichkeit. Realitätsfern, wie ausgebleicht wirkt die Farbpalette von »Contact High«. Doch es wird auch kunterbunt. »Mir brezelt's ein«, sagt Max, und die Kamera leidet unter Halluzinationen. In der Disco tragen die Menschen Hundegesichter, in Polen treten Polizisten mit Schweinsnasen und -ohren auf. Am Ende regnet's Farben, Elfen und Erdbeerküsse. Glawogger bemüht die verrätselte Filmpoesie von David Lynch, den Aktionismus von Quentin Tarantino und die Animationskunst von Monty Python. Er lässt einen geheimnisvollen blinden Mann (Victor Varnado) plötzlich »Bitter Sweet« von Roxy Music singen. Der in Graz geborene Filmemacher, der 2005 in »Slumming« schon einmal eine polnische Geschichte erzählt hat, kennt als Komödienregisseur keine Verwandten. Selbst vor Kärtnerinnen- und Polen-Witzen schreckt er nicht zurück. In dieser Disziplin ist er ganz er selbst.

Einen Spaß will Glawogger sich machen, der keine Grenzen kennt. Die Schauspieler lassen sich die Chance nicht entgehen, den künstlich gesteigerten Wahnsinn ihrer Figuren auszuleben. Die Spielfreude wird für den Zuschauer körperlich erfahrbar. Und siehe da, man ist infiziert. »Contact High« durch Kino.

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