Kritik zu Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust

© Neue Visionen

Wie bringt man einen Mann dazu, seine Frau »glücklich« zu machen? In dieser aufgekratzten französischen Komödie über eine Ehefrau auf der ­Suche nach einem Orgasmus wird das How-to erklärt – mit Mann oder DIY.

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

»Ich liebe meine Vagina«, murmelt Fanny auf Befehl ihrer temperamentvollen Sextherapeutin Victoria. »Sagen Sie es lauter!«, fordert diese. Und man weiß schon jetzt, dass die arme Fanny, eine bürgerliche Frau in den besten Jahren, diesen Satz so laut rufen muss, bis die im Wartezimmer sitzenden Patienten ihn auch hören. In dieser Komödie sind die meisten Gags von weitem vorhersehbar. Das macht aber fast gar nichts. Der im Film thematisierte Missstand – 30 Prozent aller Frauen, so besagt die gebetsmühlenartig zitierte Statistik, hatten noch nie einen Orgasmus und spielen ihrem Partner etwas vor – ist so tabu- und schambeladen, dass sich die Witze wie von selbst schreiben, eigentlich. Da dies bisher aber nicht geschah, ist es umso erfreulicher, dass sich überhaupt jemand traut. Und dass das Thema weiblicher Erfüllung mit derbem Humor in all seinen Facetten – körperlich, emotional, gesellschaftlich – tatsächlich ernst genommen wird.

Fanny, die ihren Mann liebt, aber nach 20 Ehejahren endlich wissen will, was Sache ist, wird zur Reiseleiterin durch die Welt der Therapien und Sexspielzeuge. Der erste und wichtigste Schritt besteht darin, Thomas die Wahrheit zu sagen. Er ist wie befürchtet am Boden zerstört, erweist sich aber als lernfähig. Nachdem die handwerkliche Seite – die Stimulierung des »magischen Knopfs« etc. – eingeübt und das Paar im siebten Himmel ist, kommt Fanny auf weitere Ideen. Wie wär’s mit einem Besuch im Swingerclub, einem Lover, enthemmenden Drogen? Dank eines geglückten Drehbucheinfalls nimmt die Geschichte schließlich die Kurve hin zur Entwicklung jenes bahnbrechenden Sextoys, von dem diese Komödie inspiriert ist. Thomas, nämlich ein genialer, aber arbeitsloser Erfinder, tüftelt aus eigenem Antrieb an der Lösung des Problems, mit Fanny als Versuchskaninchen. Schmerz lass nach: Eine Aquariumspumpe verhilft seinem Vibrator zum Durchbruch.

Alexandra Lamy als energiegeladene Fanny und François Cluzet als nerdiger Thomas kaspern sich mit enormem Sportsgeist durch ständige Demütigungen. Die temporeiche Inszenierung jagt das Paar in burleske Alptraumsituationen und Gags, die buchstäblich ins Auge gehen. Dann wieder wird einem die vielschichtige Problematik weiblichen Genießens unerwartet feinfühlig und pädagogisch wertvoll serviert. Der Film »riecht gut«, verzichtet auf voyeuristische Nacktszenen, ist mehr fröhlich als obszön und adoptiert stets die weibliche Perspektive. Regisseurin Reem Kherici, die auch die Rolle der exaltierten Therapeutin übernimmt, hat spürbar eine Mission. Sie will klarmachen, dass guter Sex ein Minnedienst von Männern an der geliebten Frau ist. Zugleich ist der Film ein Plädoyer dafür, sein Glück in die eigenen Hände zu nehmen. Selbst ist die Frau!

Deutschen Zuschauern beschert die Komödie, die so »typisch französisch« daherkommt, am Ende die beste Pointe. Als Inspiration diente nämlich die Geschichte des bayerischen Erfinders Michael Lenke, der, mit seiner Frau Brigitte als Testerin, 2013 den »Womanizer« auf den Markt brachte – einen Druckwellenvibrator, der heute zu einem der meistverkauften Sextoys der Welt zählt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt