Kritik zu Chanson d'amour

© Prokino

2005
Original-Titel: 
Quand j'étais chanteur
Filmstart in Deutschland: 
18.01.2007
L: 
112 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Gérard Depardieu in einem Liebes- und Musikfilm

Bewertung: 4
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Er ist ein abgekämpfter Mittfünfziger und Unterhaltungskünstler, der auf provinziellen Tanzveranstaltungen Schlager singt. Die Frauen, so sagt er abgeklärt, gehen mit ihm ins Bett, um ihre Männer eifersüchtig zu machen. Sie ist eine schöne Blondine, die ihr privates Unglück hinter trotziger Distanziertheit verbirgt. Gerade hat Marion einen Neuanfang gewagt und bei einem Bekannten in Clermont-Ferrand eine Stelle als Maklerin angenommen. Und die alleinerziehende Mutter ist eine Generation jünger als Alain, der sich während eines Auftritts Hals über Kopf in sie verliebt. Der routinierte Charmeur schafft es zwar, sie zu bequatschen und mit aufs Zimmer zu nehmen, doch am Morgen danach macht sich Marion heimlich aus dem Staub. Die Nacht mit dem Oldie im weißen Anzug ist ihr offensichtlich peinlich. Alain jedoch lässt nicht locker und beauftragt Marion, ihm ein neues Haus zu suchen. Von Hausbesichtigung zu Hausbesichtigung kommen sie sich näher.

Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück: Selbst wenn Gérard Depardieu der Galan ist, bedarf es einer großen Raffinesse, um zwischen der herablassenden jungen Frau und dem Frauenhelden von gestern ein Knistern zustande zu bringen. Regisseur Xavier Giannoli macht es wie Alain, der seine Angebetete so dezent belagert, dass man fast den wahren Grund seiner Haussuche vergisst. Auch Giannoli scheint sich zwischendurch weniger für die zwei als für das Phänomen jener musikalisch-gesellschaftlichen Gegenkultur zu interessieren, die Alain verkörpert.

Es ist ein dezidiert uncooles Milieu abseits medialer Wahrnehmung, das er ohne Herablassung, aber auch ohne Nostalgie nachinszeniert: fein gemachte Singles und Paare in einem gewissen Alter, die in Tanzhallen, auf Firmenfeiern und Tanztees schwofen, Orte, wo man sich mit Piccolöchen in Stimmung bringt, der Sänger ins Publikum geht, um die Damen anzusingen, und immer mal wieder auf seine CDs hinweist, die zum Verkauf an der Theke ausliegen.

Das Vorbild für Alain ist ein authentischer "chanteur de bal", Lokalgröße Alain Chanone, der im Film einen Kurzauftritt hat und dessen Orchester sein filmisches Alter Ego begleitet. Und wie etwa Eine Schwalbe macht den Sommer, Wenn die Flut kommt und Die Perlenstickerinnen gehört auch Chanson d'amour zu jenen von regionalen Filmförderungen finanzierten, erfolgreichen Provinzfilmen, die mit poetischer Diskretion für die Geld gebende Region werben - ein Genre, das man "films du terroir" taufen könnte. Hier dienen die erloschenen Vulkane der Auvergne und das herb-schöne Gebirge als perfektes Sinnbild für Gefühlslandschaften.

Aber vor allem erweist der Film jenen Liedern Hommage, die zu einer in Deutschland unbekannten Kategorie zwischen E- und U-Musik gehören: weder Schunkel-Schlager noch intellektuelles Chanson, sondern tanzbare Lieder über Liebe und Leben, deren Schnulzigkeit von Melancholie und Selbstironie aufgefangen wird. Und konträr etwa zu Resnais' ironischer Komödie Das Leben ist ein Chanson, in der Chansons die stereotype Gefühlsmechanik der Darsteller betonten, dienen die x-mal abgenudelten Chansons hier als Verstärkung individueller Befindlichkeit. Es ist erstaunlich, wie punktgenau etwa Liedtexte von Barden wie Serge Gainsbourg, Charles Aznavour und Julio Iglesias feinste Herzschmerz-Nuancen ausdrücken: "Lieder sagen die Wahrheit", erkannte bereits Fanny Ardant im Liebesdrama Die Frau nebenan.

Vielleicht liegt es auch nur daran, dass Gérard Depardieu sie alle selbst singt, und überhaupt ist der gut abgehangene Star als stämmiger Minnesänger so charismatisch wie selten. Mit instinktivem Understatement spielt er einen Charakter, der jegliche narzisstische Gockelhaftigkeit hinter sich gelassen hat und der Marion - der französische Jungstar Cécile de France als traurige Eiskönigin - furchtlos seine Verletzlichkeit zeigt. Die kontrapunktische Strategie zeigt allmählich Wirkung: Wo er einerseits vielleicht die Papa-Rolle übernimmt, ist es womöglich auch seine "weibliche Seite", die sie anzieht, sein allabendliches Werben ums Publikum, seine Attraktivität für andere Frauen, die ihn für sie interessant macht. Wenn Alain erst von seiner Exfrau und Agentin, die ihn immer noch liebt, die Strähnchen blondiert bekommt und ihm irgendwann Marion die Haare macht, ist die Sache entschieden. Selbst wenn der Film - und dies ist sein intelligentester Aspekt - die Geschichte nicht zu Ende erzählt.

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