Kritik zu Casting

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In Nicolaus Wackerbarths dritter Spielfilmregie hat ein Fernsehsender ein Fassbinder-Remake in Auftrag gegeben. Doch die Regisseurin kann sich nicht für eine Hauptdarstellerin entscheiden

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Almut Dehlen ist genervt und macht daraus keinen Hehl. Castings sind ihr ein Graus. Schließlich erinnern sie die bekannte Schauspielerin daran, wie machtlos sie trotz all ihrer Erfolge immer noch ist. Und nun muss sie schon zum vierten Mal für die Titelrolle in einem Remake von Rainer Werner Fassbinders Melodrama »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« vorsprechen. Also lässt die von Ursina Lardi gespielte Darstellerin all ihren Frust an der Maskenbildnerin, der Produktionsassistentin und ihrem Anspielpartner aus. Auf jede Bitte und jeden Vorschlag reagiert sie gereizt und ablehnend, um sich dann voller Verachtung doch in ihr Schicksal zu fügen. Als sie etwas später, mit schwarzer Kurzhaarperücke und vollständig geschminkt, vor Vera, der Regisseurin des Projekts, steht, scheint ihr ganzer Zorn verflogen zu sein. Mit einem Mal lächelt sie nur noch und pflichtet Vera in allem bei. Natürlich spielen die Schauspielerin und die Regisseurin einander etwas vor. Das wissen beide, und doch wagt keine, der anderen die Wahrheit zu sagen. Das lassen die Machtverhältnisse nicht zu.

Schon in diesen ersten Minuten seines dritten Spielfilms entzaubert Nicolas Wackerbarth das Filmgeschäft auf eine so simple wie grandiose Weise. Filme über das Kino und die Industrie, die es beherrscht, sind mittlerweile Legion. Aber Wackerbarth geht einen ganz anderen Weg als einst Vincente Minnelli mit »Stadt der Illusionen« oder David Cronenberg in »Maps to the Stars«. Sein Casting ist weder ein klassisches Melodrama noch eine bitterböse Satire.

In weitgehend improvisierten Szenen wirft der Film einen unaufgeregten Blick hinter die Kulissen, und das im doppelten Sinne. Denn er spielt komplett in einem Studio, in dem nach und nach die Kulissen für die Fernsehneuverfilmung von Fassbinders Theaterstück aufgebaut werden. Und wie in »Petra von Kant« dreht sich auch in »Casting« alles um Macht. Jede Begegnung zwischen Menschen spiegelt immer auch Kräfteverhältnisse. Nur sind die keineswegs festgeschrieben. Je nach Situation hat mal die Regisseurin, mal die Schauspielerin einen kleinen Vorteil. So geht es ständig hin und her. Judith Engels Vera, die sich einfach nicht festlegen will und den Castingprozess immer weiter hinauszögert, ist letztlich selbst machtlos. Sie muss ständig damit rechnen, dass ihr Produzent oder dessen Boss, die Redakteurin des Fernsehsenders, ihr etwas aufdrängen. Also flüchtet sie sich in ihre Zweifel. So kann sie alle auf Distanz halten und ihre Unabhängigkeit wahren.

Nicolas Wackerbarths Blick auf das Filmgeschäft ist denkbar unsentimental. Im Endeffekt gibt es in dieser Welt nur Verlierer, die allerdings auch kleine Siege feiern können. Selbst Gerwin (Andreas Lust), der ehemalige Schauspieler, der eigentlich nur für ein paar Stunden als Anspielpartner für das Casting engagiert war, bekommt am Ende eine Rolle in dem Film, wenn auch nicht die, die er sich erhofft hat und sich auch fast erkämpft hätte. Mit all seinen präzise eingefangenen Machtspielchen und seinem fortwährenden Auf und Ab bildet der Film eine Art Mikrokosmos des Lebens.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ich fand es schade, dass die Vorschau mich auf eine völlig falsche Fährte gelockt hatte. Ich dachte, der Film wäre eine Komödie. Stattdessen zeigt er, die Machtverhältnisse sehr gut. Ich fand alle gut, bis auf den Ersatzmann, die Rolle stand so im Vordergrund, das fand ich übertrieben.

Wann hat es mal einen so grandiosen Ensemblefilm im deutschen Kino gegeben? Ich bin begeistert.

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