Kritik zu Cairo Time

© Alamode

Die Begegnung von Ost und West als romantische Liebesgeschichte, der Patricia Clarkson als amerikanische Urlauberin in Kairo Stil und Eleganz verleiht

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Eine Amerikanerin um die fünfzig, die sich in einen jüngeren ägyptischen Gentleman verliebt. Klingt schwül? Nach pittoresken Bazarbildern und glühenden Liebesszenen vor den Pyramiden? Die Kitschbefürchtung bestätigt sich glücklicherweise nicht. Der Film der Kanadierin Ruba Nadda, die selbst arabische Wurzeln hat, deutet die Möglichkeit eines anderen Lebens an, ohne zum romantischen Märchen zu werden.

Schon Sabah (2005), der vorhergehende Film der Regisseurin, erzählte eine west-östliche Liebesgeschichte, die Hauptrolle spielte Atom Egoyans Muse und Ehefrau Arsinée Khanjian. Für Cairo Time hat Ruba Nadda mit Patricia Clarkson wieder eine großartige und nicht mehr ganz junge Hauptdarstellerin gefunden. Ihre Geschichte hätte nicht funktioniert, wenn sie ihre Hauptfigur jünger gemacht hätte, erklärt Nadda. Juliette, so heißt die Amerikanerin, die in Kairo eigentlich ihren Mann treffen will, musste, so Nadda, »eine Vergangenheit und Kinder haben und seit über zwanzig Jahren verheiratet sein – denn das bedeutet, dass es für sie viel zu verlieren gibt«.

Schon diese Haltung nimmt mächtig für den Film ein: dass er das Alter seiner Hauptfigur nicht als Makel betrachtet, sondern als Gewinn und Ausstrahlung. Tatsächlich ist es ein Vergnügen, Patricia Clarkson als Juliette einfach nur anzusehen: ihre spröde, elegante, zierliche Schönheit. Die Gefährdung, die das Alter ja darstellt, verstärkt noch den Reiz – und sie passt zur Rolle einer Frau, die ihren Platz im Leben gefunden hat und sich fast gegen ihren Willen in eine fremde Stadt, eine fremde Kultur und einen unpassenden Mann verliebt.

Tareq (Alexander Siddig) sollte sie eigentlich nur bei ihren Streifzügen durch Kairo begleiten, weil ihr Ehemann Mark, der für die UN in Gaza arbeitet, dort aufgehalten wurde. Gegen alle Wahrscheinlichkeit entspinnt sich eine delikate Liebe, deren Nuancen Patricia Clarkson fein ausspielt. Dass die Kamera Kairo dabei mit dem Blick eines Touristen betrachtet, passt, schließlich verliebt sich Juliette auch in die fremde Stadt. Cairo Time deutet auch ein paar weniger pittoreske Aspekte an, die sexuellen Belästigungen oder den mörderischen Verkehr. Kurz ist auch eine Teppichknüpferei mit Kinderarbeiterinnen zu sehen. Die Regisseurin vergisst allerdings nie, dass sie vor allem eine Liebesgeschichte erzählt. Deshalb gibt der Film auch nicht vor, mehr zu verstehen als seine Hauptfigur: Das schwangere Mädchen, dem Juliette im Bus nach Gaza begegnet, verliert er ebenso aus den Augen wie die Mädchen, die Teppiche knüpfen, statt zur Schule zu gehen.

Weil Cairo Time seine Geschichte aus den Figuren heraus entwickelt, bleibt er immer glaubwürdig. Lediglich Juliettes Kleidung – ärmellose Oberteile und kniekurze Röcke – zeugen von einer Ignoranz gegenüber den Landessitten, die man dieser klugen Frau eigentlich nicht zutraut. Dass der Film ansonsten äußerst geschmackvoll bleibt, seine Figuren kaum anecken und in keiner Sekunde vulgär werden, ist eine Qualität, aber auch ein Manko. Am Ende fragt man sich, was hier eigentlich illustriert wird: die Möglichkeit oder doch eher die Unmöglichkeit eines anderen Lebens.

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