Kritik zu Berlin Calling

© Movienet Film

Hannes Stöhr ist ein Regisseur, der eine gute Geschichte auch schon mal auf der Straße findet. Jedenfalls aber im Leben. In seinem neuen Film erzählt er von einem Berliner Techno-DJ auf Drogen

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Filme über Berlin können öde sein, weil sie gerne mal in einem hohlen Szenepathos schwelgen. Und geht es dann noch um »angesagte« Techno-Clubs, kann man das nur als Fan oder als Berufsjugendlicher genießen. Beide Klippen hat Hannes Stöhr (»Berlin is in Germany«, »One Day in Europe«) souverän umschifft. Sein fiktives Porträt eines erfolgreichen Elektro-Komponisten wirkt authentisch. Und zwar nicht deshalb, weil wir sehen, wie in einschlägigen Partyzonen der Berliner Bär im Kettenhemd steppt, sondern weil der Film ein Interesse an seiner Hauptfigur weckt. Acting statt Clubbing. Darsteller Paul Kalkbrenner gibt ein fesselndes Leinwanddebüt. Als erfolgreicher Musiker spielt er sich mehr oder weniger selbst, dies jedoch mit einer zurückhaltenden und zugleich intensiven Präsenz.

Seine Geschichte entwickelt der Film überzeugend aus der Struktur der Musik. Monoton und repetitiv wie die Beats ist der Tagesablauf des DJs, der stereotyp zwischen Party und Flughafenlounge alterniert. Professionelle Ekstase am Mischpult kann irgendwann nur noch mit Ecstasy-Pillen erzeugt werden. Die vernebelte Drogenwahrnehmung wird aber nicht wie üblich mit optischen Tricks stilisiert, sondern durch zurückhaltend eingesetzte Toneffekte beklemmend glaubhaft dargestellt. In einer der dichtesten Szenen kommt der Drogen-DJ von einem Trip nicht mehr zu rück. Im Frühstücksraum eines Hotels breitet er Joghurt und Müsli über Tisch und Körper aus zu einem irren Muster, in dem er seine zerfetzte Gedankenwelt zu ordnen versucht: Hannes Stöhr gelingen Bilder, in denen sich der Seelenzustand seines Protagonisten klar ausdrückt.

Nicht so präzise gezeichnet sind einige der Nebenfiguren wie etwa die Freundin des DJs. Rita Lengyel wirkt eher durch ihre Physiognomie als durch ihre Darstellung. Und nebenbei: Man hätte den Überflieger im Drogen-Orbit nicht ausgerechnet »DJ Ickarus« nennen müssen.

Solche kleineren Schwächen verzeiht man dem Film, weil er das Schicksal seines Helden beiläufig in eine interessante Familienstruktur einbindet. Ickarus' Vater (überzeugend: Udo Kroschwald) ist ein verhuschter evangelischer Pastor, in dessen Mund das Wort Gott alles andere als glaubhaft wirkt. Plausibel erscheint es daher, dass Trieb- und Drogenverzicht durch einen mütterlichen Charakter vermittelt werden: Corinna Harfouch spielt die resolute Psychiaterin mit Eiseskälte. Ihre Figur ist wie die gesamte Episode in der Nervenklinik ein kreatives Zitat aus dem Seventies-Klassiker »Einer flog über's Kuckucksnest«. Milos Formans schweigsamen Indianer hat Hannes Stöhr zur genialen Nebenfigur des »Goa Gebhard« abgewandelt, der auf LSD ewig weitermeditiert.

Trotz einiger Längen überzeugt »Berlin Calling« durch das kreative Potenzial des Regisseurs und Autors Stöhr, das unter anderem in pointierten Dialogen aufblitzt. Etwa wenn DJ Ickarus mit einer unwiderstehlichen musikalischen Metapher die Wirkung der Psychopharmaka beschreibt: »Die hauen mir die Höhen und Tiefen weg.« Dafür hat der Film umso mehr Zwischentöne.

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