Kritik zu Baarìa

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Wo einst Schafhirten barfuß über unbefestigte Dorfstraßen liefen, wälzen sich später hupende Autos über Asphalt: Giuseppe Tornatore wirft einen nostalgischen Blick auf das Sizilien seiner Jugend

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Die Liebe zu Sizilien und die Liebe zum Kino waren schon immer zentrale Motive im Werk von Giuseppe Tornatore. Von »Cinema Paradiso« über »Der Mann, der die Sterne macht« bis zu »Der Zauber von Malena« hat er Blicke auf seine Heimat geworfen, die selbst in ihren tragischsten Momenten noch von einer wehmütigen Nostalgie geprägt waren. Und fast immer gibt es in seinen Filmen zumindest eine Szene, die die Magie des Kinos zelebriert. In seinem neuen Film »Baarìa« treibt Tornatore dieses Spiel mit der eigenen Nostalgie und dem Beschwören der Kraft filmischer Bilder auf die Spitze. Über einen Zeitraum von fast 60 Jahren erstreckt sich die Erzählung über seine sizilianische Heimatstadt Bagheria, die in der Nähe von Palermo liegt und im Dialekt der Einheimischen Baarìa genannt wird. Nach einem kurzen in den 1910er Jahren angesiedelten Prolog nimmt die Geschichte Ende der zwanziger Jahre ihren Anfang und endet in den achtziger Jahren. Im Mittelpunkt stehen drei Generationen der Familie Torrenuova: der einfache Schafhirte Ciccio, der mit harter Arbeit seine Familie über Wasser hält, sein Sohn Peppino, der sich als Mitglied der Kommunistischen Partei für die Belange der einfachen Bürger einzusetzen versucht, und Peppinos Sohn Pietro, der in den siebziger Jahren zwischen Studentenrevolte und Familienbewusstsein wiederum seinen eigenen Weg finden muss. Nicht nur des Spielortes wegen muss man Baarìa wohl als Tornatores persönlichsten Film bezeichnen. Die Familiensaga trägt klar autobiografische Züge: Wie Tornatore verlässt der junge Filmfan Pietro Anfang der achtziger Jahre seine Heimat in Richtung Festland.

Giuseppe Tornatore am Set

Obwohl »Baarìa« also das ist, was man ein »Herzensprojekt« nennt, wirkt der Film seltsam emotionslos. Im Sauseschritt eilt Tornatore durch die Jahrzehnte, reiht vermeintlich skurrile Anekdoten aneinander, ohne dem Zuschauer Gelegenheit zu geben, sich auf die Situationen und die Menschen einzulassen. Denn Ciccio, Peppino und Pietro sind bei weitem nicht die einzigen Charaktere, von denen »Baarìa« erzählen will. Es wimmelt in dem Film nur so von interessanten Nebenfiguren, die Tornatore allerdings zu Chargen in den mal humoristischen, mal dramatischen Episoden degradiert. Die Erzählung fließt nicht, sie springt von einer dramaturgischen Idee zur nächsten – und zwar immer genau dann, wenn es anfängt, interessant zu werden. Faschismus, Mafia, Bauernrevolten, Kommunismus – von allem wird ein wenig und von nichts richtig erzählt.

Mit viel Wohlwollen könnte man diese Erzählweise als eine Übersetzung von Tornatores fragmentarischen Jugenderinnerungen in eine filmische Sprache betrachten. Nur wirken die einzelnen Geschichtchen und die Beschreibungen sizilianischen Alltagslebens nicht einmal sonderlich authentisch: Gerade in den Augenblicken, die besonders lebensecht wirken sollen, fühlt »Baarìa« sich wie das Werk eines ambitionierten Ausländers an, der anstelle von Atmosphäre nur Klischees produziert. Da werden Volksweisheiten zum Besten gegeben, abergläubische Riten zelebriert und das unbändige sizilianische Temperament beschworen. Aber mehr als eine verkitschte Sentimentalität will sich einfach nicht einstellen. »Baarìa« hat weder den langen Atem von Viscontis Epen noch die Exzentrik von Fellinis autobiografischem »Amarcord«.

Keine Frage, »Baarìa« ist als eine der teuersten italienischen Produktionen aller Zeiten (Budget: 30 Millionen Euro) hervorragend gemacht. Die Bilder des Kameramanns Enrico Lucidi sind von ausgesuchter Schönheit, Ausstattung und Kostüme von einer seltenen Detailgenauigkeit. Aber womöglich krankt Tornatores Film genau daran. Vor lauter technischer Makellosigkeit fehlt ihm der Hauch des »Gelebten«. Das historische Bagheria wurde mit beeindruckender Perfektion nachgebaut. Doch wie die Gemeinde sich im Lauf der Jahrzehnte von einem verschlafenen Küstenkaff in eine quirlige Stadt verwandelte, dafür scheint Tornatore sich nicht zu interessieren. Der Ort, der ihm so viel bedeutet und der seinem Film den Titel gibt, bleibt Kulisse für ein Stück mäßig unterhaltsames Volkstheater. Giuseppe Tornatore liebt Sizilien, zweifellos. Ironie des Schicksals, dass jeder seiner bisherigen Filme einen wahrhaftigeren Eindruck dieses Landes vermittelt.

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