Kritik zu Auf Ediths Spuren

© Basis-Film

Basierend auf seinem Buch »Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart« rekonstruiert der Schriftsteller Peter Stephan Jungk in seinem Dokumentarfilm vom Leben seiner Großtante, der die Tätigkeit für den sowjetischen Geheimdienst eine Weiterführung ihrer Arbeit als sozial engagierte Fotografin im britischen Exil in den dreißiger Jahren war

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Was für eine Frau, was für ein Leben! Edith Tudor-Hart wurde 1908 in Wien als Tochter jüdischer Sozialisten geboren. Ihr Vater betrieb eine Buchhandlung und verlegte Bücher, ihr jüngerer Bruder war der – im vergangenen Herbst im Alter von 104 Jahren verstorbene – Fotograf und Kameramann (»Get Carter«) Wolf Suschitzky. Sie engagierte sich schon früh, bald auch mit sozialkritischen Fotoreportagen, in Wien ebenso wie in London, wohin sie 1933 emigrierte. Zuvor hatte sie einen Monat in Untersuchungshaft verbracht, unter dem Vorwurf der Tätigkeit für die verbotene Kommunistische Partei. Ihr fotografisches Werk wurde vor wenigen Jahren mit der Ausstellung und gleichnamigen Buchpublikation »Im Schatten der Diktaturen«, die 2013 in Wien und Edinburgh und später auch anderswo zu sehen war, erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt.

Ihr Engagement beschränkte sich allerdings nicht auf ihre Arbeit als Fotografin, sie betätigte sich auch als Kurier für die kommunistische Partei in Wien und London. Obwohl sie in Großbritannien als Teilnehmerin an kommunistischen Demonstrationen und wegen Verbindung zur Kommunistischen Partei schon früh ins Visier der Polizei geriet, bereits 1931 erstmalig ausgewiesen und später mehrfach verhört wurde, wurde erst lange nach ihrem Tod (1973) bekannt, dass sie jahrzehntelang für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte und eine entscheidende Rolle bei der Rekrutierung der ‚Cambridge Five’ spielte, zu denen die berühmten Sowjetspione Philby, Burgess und Maclean gehörten.

Ein Doppelleben: ihr politisches Engagement geriet immer wieder in Konflikt mit ihrem familiären Umfeld und gipfelte in der Tragödie ihres kleinen Sohnes Tommy, der an Autismus leidet und später als schizophren diagnostiziert wird. Wechselnde Beziehungen zu Männern enden immer wieder dramatisch. »Du bist mir zu intensiv, Du frisst mich auf, mit Haut und Haaren« äußert einer ihrer Geliebten zu ihr, sie selber spricht in einem Brief von ihrer eigenen »Unersättlichkeit«.

Beide Zitate finden sich in dem Buch, das der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, ihr Neffe, 2015 unter dem schönen doppeldeutigen Titel »Die Dunkelkammern der Edith Tudor Hart« veröffentlicht hat und das kürzlich auch in einer Taschenbuchausgabe erschienen ist. Sein darauf basierender Film rekonstruiert ihr Leben und ihre Arbeit durch Gespräche mit Freunden und Familienmitgliedern, mit Fachleuten für Fotografie ebenso wie für Zeitgeschichte und Spionage und zeigt den Autor darüber hinaus bei seinen eigenen Archivrecherchen.

Bewegtbildmaterial von Edith Tudor-Hart existiert nicht (was zu ihrer Undercovertätigkeit als Spionin passt), so wird das wohl bekannteste Foto von ihr, ein Selbstporträt, das sie mit einer Zigarette in der Hand zeigt, animiert, ebenso werden einige wenige nachgestellte Szenen als Animationsfilm umgesetzt – und vermeiden damit die Fragwürdigkeit von Reenactments mit minderbegabten Schauspielern.

»Auf Ediths Spuren« lebt von seiner Protagonistin, die sich in ihrem Verhalten als moderne Frau erweist, in der sich darüber hinaus die Frage nach dem eigenen gesellschaftspolitischen Engagement, zumal in einer Zeit des Zerbrechens der klassischen Ideologien, exemplarisch verdichtet. Darüber hinaus auch ein Film über Familiengeheimnisse – in seinem Buch schildert Peter Stephan Jungk noch ausführlicher, wie spät er erst ein umfassendes Bild seiner Großtante gewann. Diesem facettenreichen Film wünscht man ein großes Publikum.

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