Kritik zu Auf Augenhöhe

© Tobis

Der besondere Kinderfilm: Nach einem Originaldrehbuch erzählen Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf vom Heimjungen Michi, der unverhofft seinen Vater findet – nur dass der nicht die Größe hat, die der Kleine erwartet

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Ein Ruderboot gleitet in das Blickfeld des Betrachters, mit ihm schiebt sich ein durchtrainierter, gut aussehender Ruderer nach dem anderen ins Bild, und jeder könnte Michis Vater sein. Michi sitzt am Bootssteg und fantasiert vor sich hin. Denn vor kurzem erst hat der Heimjunge erfahren, dass er einen Papa hat und der rudert immer am Wochenende – also ist es einer von den starken athletischen Typen hier, der Tom heißt. Und dann ruft einer der Sportler diesen Namen nach hinten, »Hey Tom«, und es erhebt sich der kleinwüchsige Steuermann.

Es ist die Schlüsselszene des Films, und der großartige Kameramann Jürgen Jürges, der unter anderem schon für Wim Wenders, Michael Haneke und Helmut Dietl gedreht hat, hat Michis Erwartung so in Szene gesetzt, dass wir mit dem Jungen mitfiebern und seine Enttäuschung nachvollziehen können. Der Schock für Michi ist groß, Tom ist ja kleiner als er selber und den will er auf gar keinen Fall zum Papa haben, dann doch lieber im Heim bleiben! Aber das geht nun auch nicht mehr, denn schon bald wird er wegen seines winzigen Vaters gehänselt und läuft weg – natürlich zu Tom.

Die Geschichte von Michi und Tom ist ein originärer Filmstoff, also keiner, der nach einem bekannten Buch oder sonstigen erfolgreichen Marken entstanden wäre. Solche Stoffe haben es gemeinhin äußerst schwer, realisiert zu werden, und daher hat sich vor ein paar Jahren die Initiative »Der besondere Kinderfilm« gegründet, die ausschließlich Originaldrehbücher fördert. »Auf Augenhöhe« ist nach »Winnetous Sohn« von André Erkau und »Ente gut!« von Norbert Lechner der dritte Film dieses Fördersystems, der nun die Kinos erreicht. Das Prinzip ist, Geschichten über Kinder zu zeigen, die nah dran sind am realen Leben und auf jeden Fall ein Happy End haben. So wird auch Michi sich mit Tom zusammenraufen, und dabei sehen wir den beiden gern zu. Tom wird gespielt von Jordan Prentice, den wir aus »Brügge sehen und sterben« kennen und der kein Deutsch spricht, sondern später synchronisiert wurde. Wir fiebern nicht nur mit Michi mit, der von totaler Ablehnung – »Das ist der Hausmeister« – bis zur späteren emotionalen Zuneigung alle Facetten der Annäherung durchlebt, sondern wir nehmen im Verlauf auch zunehmend die Sichtweise von Tom ein und erfahren, mit welchen Vorurteilen und Problemen er zu kämpfen hat.

Eine geschickte Dramaturgie, denn so entwickeln die Zuschauer gemeinsam mit Michi auch Empathie für den kleinwüchsigen Vater, der sich nur darum als Steuermann bei der Rudermannschaft sieht, weil es eben keinen leichteren gibt. Hier wie dort gibt es Missverständnisse und Unvermögen, Normalität herzustellen. In jedem Fall ist den beiden Regisseuren Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf ein hinreißender Film gelungen, der gerade beim Filmfest München den Publikumspreis für den besten Kinderfilm gewonnen hat und der hoffentlich seinen Weg in die Herzen der Zuschauer findet.

... zum Interview mit den Regisseuren

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