Kritik zu Auerhaus

© Warner Bros. Pictures

Die 80er Jahre in der schwäbischen Provinz. Sechs Jugendliche gründen eine WG, um fiesen Vätern oder Stiefvätern und einem Kleinstadtleben in Langeweile zu entgehen. Bov Bjergs Roman war 2015 ein Bestseller, nun hat Neele Leana Vollmar das Buch verfilmt

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»Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei.«

Das ist die Stimmung in »Auerhaus«, dem Roman von Bov Bjerg; 2015 war das Buch ein Überraschungserfolg. Es ist ein Rückblick auf die Jugend, den Moment vor dem Erwachsenwerden, wenn alles möglich scheint und sich das intensive »Jetzt« wie »immer« anfühlt. Der Moment ist schnell vorbei. Die Trauer darüber und über die Unwiederbringlichkeit dieses Gefühls durchzieht als melancholische Grundstimmung nun auch die Verfilmung von Neele Leana Vollmar.

Es ist Winter. Es sind die 80er Jahre in der schwäbischen Provinz. Nostalgiker denken da an Schulterpolster, Neonfarben und Jane-Fonda-Stulpen. Von wegen. Die 80er Jahre in Auerhaus sind eine Zeit der abgehängten Decken, in der es Farben gibt, na klar, den weinroten Schulterbesatz einer Winterjacke oder ein knallrotes, verschlissenes Ledersofa in der Psychiatrie, aber vielleicht nur deshalb, damit der Rest noch beigebraungrauer und trostloser erscheint.

Zu den am meisten unterschätzten Aufgaben bei jedem Film gehört die Suche nach den passenden Drehorten. Bei »Auerhaus« haben die Location Scouts und Szenenbilder Michael Binzer ganze Arbeit geleistet – der Rücksturz in die Provinzrealität der 80er ist garantiert. Eine schnelle Montage zu Beginn zeigt die Kleinstadt, in der Höppner (Damian Hardung) und seine Freunde groß werden: Fußgängerzone, Dorfsupermarkt, Eisdiele, Pizzeria, das Gymnasium »am Stadtrand«, am Rande des Ortes gibt es außerdem eine Psychiatrie. Ein tuckernder Traktor im Morgennebel deutet eine ländliche Idylle an, aber dieser Eindruck verfliegt gleich wieder. Das Dörfliche ist längst auf dem Rückzug. Und idyllisch ist hier schon gleich gar nichts. Zu verraten, dass Höppners Freund Frieder (Max von der Groeben) sich umbringen wird, ist kein Spoiler, nicht mal für diejenigen, die den Roman nicht kennen. Es wird von Höppner, dem Erzähler, schon in den ersten Filmminuten fast beiläufig erwähnt.

Weil Frieder nach seinem ersten Suizidversuch in der Psychiatrie landet, er danach nicht wieder bei seinem Vater leben kann, aber auch nicht allein wohnen sollte, gründen Höppner und Frieder mit Höppners Freundin Vera (Luna Wedler) und der Geige spielenden Streberin Cäcilia (Devrim Lingnau) eine WG. Ihr Ziel: Frieder von einem nächsten Versuch abzuhalten. Sie ziehen in ein leerstehendes Haus, das Frieders Opa gehört, so ein kleines, verwohntes, verwinkeltes Dorfhaus mit hässlichen Tapeten. Später kommen die Pyromanin Pauline (Ada Philine Stappenbeck), eine Mitpatientin Frieders, und der kiffende, schwule Elektrikerlehrling Harry (Sven Schelker) dazu. Die Bewohner sind ganz verschieden, und so richtige Freunde sind sie, abgesehen von Höppner und Vera, eigentlich auch nicht. Trotz allem wird das »Auerhaus« für seine Bewohner zu einem Moment der Utopie.

Einen Bestseller zu verfilmen ist immer eine zweischneidige Sache. Der Erfolg des Buches garantiert Aufmerksamkeit, begeisterte Leser sind aber auch schnell enttäuscht. 

Neele Leana Vollmar hat schon »Maria, ihm schmeckt's nicht« verfilmt, 2009, außerdem die Kinderbücher »Rico, Oskar und die Tieferschatten«, 2014, und »Rico, Oskar und der Diebstahlstein«, 2016. Für »Auerhaus« hat sie auch das Drehbuch geschrieben und sich stark an der Vorlage orientiert. Manche Sätze sind wörtlich übernommen. Die lakonische Poesie des Buches, die Sprache, die Bov Bjergs Roman so besonders macht, lässt sich trotzdem nur schwer in einen Film übertragen. 

Wenn etwa Höppner im Buch über Frieder bemerkt: »Er setzte sich. Das sah so ungelenk aus, als wären ›er‹ und ›sich‹ zwei verschiedene Personen«, dann ist in der Verfilmung nur ein etwas steifer, wie ferngesteuert wirkender Frieder zu sehen.

Der Film ist insgesamt konventioneller, auch oberflächlicher als seine Vorlage, aber er hat eine ähnliche Lakonie. Wie schnell und scheinbar mühelos die öde Kleinstadtrealität auf den Punkt gebracht wird! Und wie nüchtern und gar nicht verklärt die Personen skizziert sind! Als Frieder und Höppner das erste Mal vor dem Auerhaus stehen, in das sie ziehen wollen, fällt zwar ein dezenter Sonnenstrahl auf die Szene; es ist das erste Mal, dass warmes Licht das Wintergrau aufhellt. Die befürchtete Romantisierung der WG und ihrer Bewohner bleibt aber auch im Film glücklicherweise aus. Die Außenseiter, die sich hierhin zurückziehen vor den Zumutungen des Draußen, vor Abitur, Wehrdienst und Therapie, sind keine coolen Typen. Frieder ist ein philosophierender Grübler, aber auch ein überdrehter Chaot, der einfach nur bekloppte Dinge macht, ein zu intelligenter, zu sensibler Bauernsohn, der in seiner Lebensmüdigkeit und Einsamkeit auch ein großer Egoist ist. Max von der Groeben verkörpert ihn mit dieser Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit, ganz toll.

Auch die anderen jungen Darsteller überzeugen: Damian Hardung als ziemlich »normaler«, aber unsicherer Höppner; Luna Wedler als das hübsche, leichtsinnige Mädchen, das im Auerhaus mit der freien Liebe experimentiert; Ada Philine Stappenbeck als sympathische, aber verstörend unheimliche, »brandgefährliche« Psychopatin, und Devrim Lingnau als schöne, intelligente, selbstbewusste Streberin, die mit ihren Bemerkungen meistens recht hat, die Gruppe am Ende aber streberinnenmäßig verrät. 

Erwachsene spielen naturgemäß nur Nebenrollen. Aber wie liebevoll Anja Schneider Höppners Mutter verkörpern darf, zeigt doch, wie wichtig diese Figur ist, dass es am Ende womöglich solche Erwachsenen sind, die den Unterschied ausmachen zwischen Frieders Verlorensein und Höppners Ausbruch.

Die Zeit im Auerhaus sei die beste seines Lebens gewesen, schreibt Frieder in seinem Abschiedsbrief. Dabei passiert eigentlich nicht viel. Die Jugendlichen spielen Federball, kiffen und kochen (Tsatsiki mit fünf Knoblauchknollen!), Frieder klaut Lebensmittel im Supermarkt und haut an Heiligabend den großen Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz mit der Axt seines Vaters um. Höppner und Vera sprechen (oder eher: schweigen) über die Liebe; Frieder und Höppner führen Gespräche, in denen es um den Tod geht. Dazu Popsongs der 80er Jahre. Es ist der Moment auf der Luftmatratze, wenn der Baggersee zur Südsee wird. Neele Leana Vollmar schafft es, das eine im anderen zu spiegeln, das ist das Schöne an ihrem Film.

Wer wissen will, wie es um das deutsche Kino steht, braucht sich nur die Filmstarts der letzten Monate vor Augen zu führen: Nora Fingscheidts oscarnominierten »Systemsprenger«, Jan-Ole Gersters »Lara« oder auch die verrückte Comicverfilmung »Endzeit« von Carolina Hellsgard. Neele Leana Vollmars »Auerhaus« ist nicht so eigenwillig wie diese (oder andere) Beispiele, es fehlt auch ein wenig an Tiefe. Und doch ist »Auerhaus« ein weiterer Pluspunkt in einem derzeit bemerkenswert guten Lauf.

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