Kritik zu Systemsprenger

© Port au Prince

Eine Explosion in Pink: Nora Fingscheidts mit einem Silbernen Bären ausgezeichneter Film erzählt von einer gewalttätigen Neunjährigen, die sich nach Geborgenheit sehnt und im Jugendhilfesystem durch alle Raster fällt

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Ein Mädchen sieht pink. Schreiendes Rosa flutet Bennis Kopf, wenn sie ausrastet, dazu sind schemenhafte Bilder wie aus Träumen oder Alpträumen zu sehen, vielleicht ja Erinnerungen. Als Baby hat jemand Benni (Helena Zengel) ihre vollen Windeln ins Gesicht gedrückt, nun erträgt sie nicht, wenn sie etwas im Gesicht hat. Sie schreit, wirft Bobbycars gegen eine Scheibe, dass das Sicherheitsglas bricht, oder schlägt den Kopf eines »Angreifers« so lange auf den Boden, bis Blut fließt.

»Systemsprenger« ist ein Begriff aus der Jugendhilfe. Kinder und Jugendliche werden so genannt, bei denen alle Hilfsmaßnahmen scheitern. Aus jedem Heim und jeder Wohngruppe fliegen sie raus, landen häufig in der Psychiatrie. Nora Fingscheidt kommt vom Dokumentarfilm, für ihr Langspielfilmdebüt hat sie fünf Jahre recherchiert. Bennis Geschichte ist absolut realistisch. Und doch ist schon in den ersten Filmminuten klar, dass »Systemsprenger« kein Sozialdrama ist und der Begriff hier vor allem auch eine poetische Dimension hat.

Wenn Benni ausrastet, behält auch die Kamera nicht den Überblick. Die unruhigen Bilder und ein oft hektischer Schnitt übertragen ihre explosive Kraft auf den Film. Dazu kommt ein schneller, harter Punk auf der Tonspur. Und Bennis Geschrei: »Ich hasse euch!«, »Fick dich!« oder »Arschloch«. Weil die Gewalt von einem elfenhaft blonden, neunjährigen Mädchen ausgeht, fühlt sich der Zuschauer am Anfang fast wie in »Der Exorzist«.

Aber da ist Not, nicht das absolut Böse. Bennis Wut ist die Wut der Verzweiflung. Eigentlich will sie Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mama wohnen, die von ihrer Tochter aber so überfordert ist, dass sie sie weggegeben hat. Die Geschichte dieser zarten, blonden Frau, die ihr Kind liebt und doch das Falsche tut, wäre einen eigenen Film wert. Aber man ahnt sie auch so, auch dank des Spiels von Lisa Hagmeister. Für Benni ist die Liebe ihrer Mutter wie eine Oase in der Wüste, die sich aber nicht greifen lässt, eine Fata Morgana ist. In der schmerzlichsten Szene des Films will Benni ein Echo erzeugen und ruft »Mama! Mama! Mama!« von einem Hügel. Und nichts kommt zurück.

Helena Zengel ist sensationell als Benni. Sie wurde 2008 in Berlin geboren, hat aber schon einige Schauspielerfahrung, unter anderem in »Die Tochter« von Mascha Schilinski, 2017. Ihre Benni ist schön und schrecklich, zum Lieben, Mitleiden und Fürchten. Dieser Blick, wenn sie trotzt! Wie unberechenbar und gewalttätig sie wirken kann, dabei kindlich und zerbrechlich!

Dass Benni nicht klarkommt mit sich und der Welt, liegt nicht an den Menschen, die sich von Berufs wegen um sie kümmern. ­Nora Fingscheidt zeigt lauter engagierte Menschen, etwa die Jugendarbeitsmitarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide), die mit viel persönlichem Einsatz nach Lösungen für Benni sucht. Und als es scheinbar keinen Platz mehr für sie gibt, darf Micha (Albrecht Schuch), ein Anti-Gewalt-Trainer und Bennis Schulbegleiter, eine aufwändige Erziehungsmaßnahme durchführen: Drei Wochen in einer Hütte im Wald sollen Benni zur Ruhe bringen und ihr aus ihrer Wut heraushelfen. Micha mag das Mädchen. Und Benni, die sich nach einem Zuhause sehnt, würde nach dieser Auszeit am liebsten bei Micha einziehen. Was aber nur in schlechteren Filmen zu einem Happy End führt.

»Systemsprenger« ist ein seltener Glücksfall: ein deutscher Film zu einem relevanten Thema, mit einer sorgfältig erzählten Geschichte und einer kraftvollen eigenen Handschrift. Der Begriff »Systemsprenger« ist übrigens auch in der Jugendhilfe umstritten; Kinder wie Benni können das System gar nicht sprengen: wenn ihnen nicht geholfen wird, zerstören sie vielmehr – sich. Einmal hat Benni eine Übernachtung bei Micha zu Hause ertrotzt und kommt in ein »normales« Zuhause. Da gibt es eine Mutter und einen Vater, die für ihre Kinder da sind, immer dieselben Menschen, verlässlich und aus Liebe. Für Benni ist es eine Parallelwelt, auch dem Zuschauer vermittelt sich die ­Ungerechtigkeit des Lebens wie ein Schlag. Es ist zum Ausrasten.

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