Kritik zu Au revoir, Taipeh

© Arsenal Filmverleih

2010
Original-Titel: 
Au revoir Taipeh
Filmstart in Deutschland: 
25.11.2010
L: 
85 Min
FSK: 
6

Einmal nicht Paris, sondern Taipeh als sprichwörtliche »Stadt der Liebe«, in der Jung und Alt, Gangster wie Gejagte neben den Alltagsgeschäften vor allem ihren Problemen des Herzens nachgehen – so bei Edward-Yang-Schüler Arvin Chen

Bewertung: 5
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Wie kann man am besten zu diesem Film verführen? Und das, ohne die Wörter charmant, zauberhaft oder wunderbar zu verwenden? Sonst wird man nachher noch in der Werbung zitiert und muss sich für seine Wortwahl schämen: »Ein zauberhafter Film!« »Charmant!« Andererseits ist es ja gar nicht schlecht, ein bisschen Werbung zu machen für einen Film, der es ohne große Namen (bei uns! – in Taiwan sind viele der Darsteller Stars) und PR-Budget vermutlich nicht leicht haben wird, sich durchzusetzen gegen lautstärkere Konkurrenz.

Vielleicht fangen wir einfach mit einer filmtopographischen Zutatenliste an. Auf den Set kommen: eine Buchhandlung, ein Eckimbiss samt danebenliegendem Supermarkt, eine kleine Immobilienagentur mit Angestellten in lächerlich orangeroter Livree, U-Bahnstationen und Gassen. Und ein schäbiges Hotel, dessen Lobby lebhaft andere Hotellobbys der Filmgeschichte evoziert. In der Buchhandlung sitzt jeden Abend ein junger Mann und paukt Französisch. Kai ist ein ungelenk liebenswürdiger junger Mann, dessen Liebe ihm nach Paris davongelaufen ist und jetzt seine beharrlich auf der Mailbox hinterlassenen Liebeserklärungen ebenso beharrlich ignoriert.

Da hilft nur das Hinterherreisen. Nur woher das Geld für das Ticket nehmen, wenn der einzige Erwerb die Mithilfe in der elterlichen Nudelbude ist? Zum Glück ist da Bruder Bao Stammgast, ein alternder Bilderbuchgangster, der unbedingt ein kleines Päckchen nach Paris befördern will. Das soll Kai irgendwo in Taipeh abholen und mitnehmen. Pech nur, dass auch Baos Neffe und aufstrebender Geschäftsnachfolger die Sache mitbekommt und selbst hinter dem Päckchen her ist. Auch ein Polizist ist schon an der Sache dran.

Wir kennen solche Geschichten aus dem Kino, meist gehen sie schlecht aus. Doch nicht nur Paris, auch Taipeh ist eine Stadt der Liebe. Und so will es das Drehbuch, dass nicht nur Kai, sondern auch alle anderen Beteiligten in amouröse Händel verstrickt sind. Der Polizist wurde gerade von seiner Frau verlassen. Gangster Bao ist in einer Lebensphase, wo die Geschäfte nicht mehr als Dringlichstes scheinen und die Erinnerung an verflossene Lieben sanft macht. Und selbst die Gruppe angehender Möchtegernverbrecher lässt sich von ihrem Geiselopfer in romantische Gespräche verwickeln, statt zu foltern.

Regisseur Arvin Chen kam mit 20 Jahren aus den USA nach Taipeh, um bei Edward Yang zu assistieren. In die Stadt verliebte er sich sofort. Die nächtlichen Dreharbeiten beschreibt er als rauschartiges Glück. Und auch im Film wird aus dem annoncierten Abschied schnell eine Liebeserklärung an eine Stadt, die es an Magie gut mit Paris aufnehmen kann. So kommt Au Revoir Taipeh als farbenprächtiges Musical mit einer einzigen großartigen Tanzszene daher, als surreale Gangsterballade ohne Schießerei und als echt romantische Komödie mit melancholischem Grundton. Denn dass das Leben auch in Taipeh manchmal anders aussieht als in dieser einen beschwingt verzauberten Nacht, wissen wir und der Regisseur die ganze Zeit.

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