Kritik zu Another Day of Life

© Pandora Film Verleih

Die Verfilmung der literarischen Reportage »Wieder ein Tag Leben« von Ryszard Kapuscinski vermischt auf faszinierend rissige, visionäre Weise Animation und Dokumentaraufnahmen

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Sie alle wollen noch einmal fotografiert werden. Nicht nur die Bewaffneten, die Kampfbereiten posieren vor seiner ­Kamera. Die tödlich Verwundeten verlangen, dass auf diese Weise eine Spur von ihnen bleibt. Der Reporter erfüllt ihren Wunsch. »Das war mein Gesicht, als ich noch lebte«, lautet der Satz, den er ihnen danach in den Mund legt.

Ryszard Kapuscinski, der einzige Auslandskorrespondent der polnischen Presseagentur, recherchiert 1975 in Angola im Angesicht des Todes. Auch sein eigener wird ihm angekündigt: »Du bist schon tot, sozialistischer Reporter!«, warnt ihn ein Graffito, als er eines Abends in sein Hotelzimmer heimkehrt. Der 11. November, an dem die Unabhängigkeit von Portugal verkündet werden soll, steht kurz bevor. Drei Befreiungsbewegungen bekämpfen einander, die MPLA, die FNLA und die UNITA. Da das Land reich an Bodenschätzen ist, an Diamanten und Erdöl, weckt es geopolitische Begehrlichkeiten. Kapuscinski ist überzeugt, dass das Land ein Spielfeld des Kalten Krieges ist und die verfeindeten Parteien hier einen Stellvertreterkonflikt austragen. An Fakten allein kann er sich nicht halten, sie widersprechen sich. Sein erstes Mandat besteht darin, den Opfern eine Stimme und ein Gesicht zu geben.

Die Regisseure Raúl de la Fuente und Damian Nenow beschwören zunächst die Legende des unerschrockenen Weltreisenden und Antikolonialisten, dessen Ruf als Meister der literarischen Reportage unangetastet blieb von den Vorwürfen, die nach seinem Tod 2007 laut wurden: Er habe sich poetische Freiheiten genommen, Figuren und Situationen hinzuerfunden um der tieferen Wahrheit willen, die er spürte. Diese Wahrheit entsteht im Film für ihn aus verschiedenen Begegnungen.

Die Arbeit dieses »Poeten an der Front« wird, im agilen Wechsel von Animations- und Dokumentarszenen, wie ein Rausch inszeniert. Während alle Welt aus Angola flieht, will er um jeden Preis in diesem Inferno ausharren und Zeugnis ablegen von dem, was er erlebt. Alsbald handelt »Another Day of Life« von der Ratlosigkeit des Berichterstatters. Die Menschlichkeit würde gebieten, anzuhalten für die Hilfesuchenden am Straßenrand, aber sie könnten die Köder einer Falle sein. Kapuscinskis Freund Artur Queiroz, der andere verbliebene Journalist, schwankt ebenso ­zwischen professioneller Pflicht und dem Drang, nicht mehr tatenlos zuzusehen. Kapuscinski steht am Ende vor einer Entscheidung, die der Film gleichermaßen als Suspense wie als Sündenfall in Szene setzt.

Artur fungiert insgeheim als Kronzeuge dieser ethischen Zerrissenheit. Als Überlebender reflektiert er in den Dokumentaraufnahmen seinen damaligen Verrat am eigenen Beruf. Die Erinnerungen der Zeitzeugen, ihre Nachdenklichkeit, ihr Hadern, dienen nicht nur als Ergänzung, sondern zusehends als Korrektiv der Animationsszenen, in denen sich die Welt theoretisch nach Gutdünken erschaffen und verwandeln ließe. Aus der Vermischung der Stilelemente wird eine Spaltung, die das Grenzgängerische der gefeierten Reportagen Kapuscinskis widerspiegelt.

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