Kritik zu Alte Liebe

© Pandora Film

2026
Original-Titel: 
Alte Liebe
Filmstart in Deutschland: 
08.10.2026
L: 
110 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ein Paar nach vierzig Jahren Ehe: Harry (Joachim Król) hat es sich bequem eingerichtet, Lore (Dagmar Manzel) hofft auf einen Neuanfang. Bringt die dritte Hochzeit der gemeinsamen Tochter wieder Schwung in ihre eingefahrene Beziehung?

Bewertung: 4
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Man spürt es sofort, das Morgenritual hat sich in Ehejahrzehnten eingeschliffen: Energisch reißt Lore die Vorhänge auf, ruft kurz darauf ein »Kaffee!« in die Wohnung, worauf Harry antwortet, er komme gleich. Am Küchentisch wird die Marke »Hundert Prozent Robusta« evaluiert: »Schmeckt ein bisschen lasch«, meint Lore. Ein bisschen lasch ist auch die Beziehung von Lore und Harry geworden, in den vierzig Jahren, die sie verheiratet sind. Bewegung bringt die Einladung zur Hochzeit ihrer gemeinsamen Tochter in die eingefahrenen Abläufe, nicht die erste, wie sich aus Harrys grummeliger Reaktion erschließt: »Warum muss die eigentlich ständig heiraten? Wie spießig ist das denn?« Als Lore kontert: »Aber wir haben doch auch geheiratet«, steht auch die Ehe von Lore und Harry zur Diskussion. Wenn er von Liebesheirat spricht, relativiert sie nüchtern.

Nach »Wolke Neun«, »Gundermann« oder »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« ist »Alte Liebe« schon die neunte Zusammenarbeit von Andreas Dresen und der Drehbuchautorin Laila Stieler in gut vierzig Jahren. Dabei ist die melancholische Leichtigkeit und fein austarierte Beziehungsintimität dieser Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder auch eine Erholung vom schweren Stoff des Widerstandsdramas »In Liebe, Eure Hilde«. Ähnlich wie schon in »Wolke Neun«, in dem Ulrike Werner als beinahe siebzigjährige Ehefrau ein Backfischabenteuer mit einem etwas älteren Herrn erlebte, geht es achtzehn Jahre später auf andere Weise wieder um Formen der Liebe im Alter, wobei Dresen ja schon immer mehr an der Realität des Lebens interessiert war als am Glamour des Kinos. So fügt sich »Alte Liebe« in eine Reihe von Filmen, die in den letzten Jahren auf berührend ehrliche Weise nicht von den leidenschaftlichen Anfängen einer Liebe erzählt haben, sondern von der ermüdenden Alltäglichkeit langjähriger Beziehungen, von all den Enttäuschungen und Frustrationen, die sich über die Jahre ansammeln: Ulrich Tukur und Anke Engelke haben das in »Dann passiert das Leben« in feinen Nuancen durchgespielt, und in gewisser Weise könnte man Dresens Film als Sequel der Elternbeziehung in Karoline Herfurths »Wunderschön« betrachten, in dem Martina Gedeck den auch schon von Joachim Król gespielten Ehemann aus der Reserve lockt. Denn auffallend ist, dass es immer wieder die Männer sind, die im Alter bequem werden, während die Frauen den Lebensabend häufiger als Neuanfang begreifen. So hat sich auch Harry eingerichtet, in seinem Rentnerdasein mit Gartenarbeit und Biermolle, während sich die Bibliothekarin Lore fragt, ob das nun schon alles war.

Der große Coup des Films ist die Besetzung mit Dagmar Manzel und Joachim Król. In einem Film, der im Kern als Kammerspiel angelegt ist, in dem im Grunde nicht viel passiert, sorgen sie dafür, dass jede kleine Regung von Gestik und Mimik zählt, all die kleinen Momente, in denen Vertrautheit in Überdruss umschlägt. Statt um die Liebe des Zuschauers zu buhlen, halten sie ihn zunächst mit ruppigem Grant und der Bissigkeit aufgestauten Frusts auf Distanz, nur um ihn dann mit Wärme und liebenswürdigem Charme umso mehr zu verführen. Dresen und Stieler, die beide in Ostdeutschland sozialisiert wurden, haben die Geschichte des Romans vom Westen in den Osten verpflanzt und reichern ihn dadurch mit ihren eigenen Wende-Erfahrungen an, mit einer unterschwellig mitschwingenden weiteren Verlusterfahrung: Statt Martin Walser und Daniel Kehlmann lädt Lore zu ihren Lesungen in der Bibliothek jetzt Christoph Hein und Clemens Meyer ein, dessen Roman »Als wir träumten« Dresen 2015 verfilmt hat. Die Hochzeit der gemeinsamen Tochter wird zum Barometer für Lores und Harrys Ehe, für die Art, wie sie sich im Laufe der Zeit auseinandergelebt haben: Während sie sich auf das Fest freut, will er gar nicht erst hingehen. Doch Harrys abgestumpfter Blick lichtet sich, als er beim gemeinsamen Durchblättern des Familienfotoalbums Lores Verletzlichkeit wahrnimmt, die Traurigkeit hinter den endlosen Nörgeleien, Vorwürfen und Anschuldigungen: »Weißt du noch, was sie gesagt hat, als sie ausgezogen ist? Dass ich mich immer nur für mich interessiert hab«, schluchzt Lore. Als Harry die gemeinsame Fahrt zur Hochzeit verspricht, beginnen die feinen Funken eines Neuanfangs die schweren Wolken von Frust, Trägheit und Resignation zu vertreiben.

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