Kritik zu Wunderschön

© Warner Bros. Pictures

Geschlechtszwänge und Body Positivity sind die großen Themen in Karoline Herfurths dritter Regiearbeit. Ambitioniert auch die Konstruktion, in der sich die Lebenslinien von fünf Frauen in ganz unterschiedlichen Situationen verschlingen

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»Wir sind einfach wir selbst«, behaupten die jungen Frauen lachend vor der Kamera. »Wir machen unsere eigenen Regeln. Uns ist egal, was die anderen über uns denken.« Schön wär's. Aber alles nur Inszenierung für eine Kampagne, die mit Body Positivity kokettiert – und sie in Wirklichkeit auf perfide Weise unterläuft, denn der Druck, den die Branche auf die Models ausübt, ist enorm. Mit 25 gilt Julie (Emilia Schüle) schon als alt, akribisch wird ihr Körper taxiert und für unperfekt genug befunden.

Nach den beschwingt emotionalen Komödien »SMS für dich« und »Sweethearts« hat sich die Schauspielerin Karoline Herfurth in ihrer dritten Regiearbeit ein großes gesellschaftliches Thema vorgenommen, das sie auf fünf Frauen in verschiedenen Lebensabschnitten und Stufen der Selbstfindung auffächert. Sie selbst mischt als junge Mutter Sonja mit, die nach zwei Schwangerschaften mit ihrem Körpergefühl hadert. Martina Gedeck spielt Ehefrau und Mutter Frauke, die sich auf einen neuen Lebensabschnitt mit ihrem pensionierten Mann (Joachim Król) gefreut hat, an dem all ihre Versuche, die Beziehung zu beleben, aber abprallen. Der von Dilara Aylin Ziem verkörperte füllige Teenager Leyla wehrt sich gegen die Erwartungen einer angespannten Modelagentur-Mutter, während Julie durch ihren Modelberuf zu übertriebener Selbstoptimierung getriezt wird. Thematisch zusammengehalten wird die Vielfalt der Lebensgeschichten durch die Lehrerin Vicky. Im Unterricht lenkt sie den Blick der Schüler auf Geschlechterverhältnisse und Selbstoptimierungszwänge und fordert ihre Klasse heraus. Weil sie von Nora Tschirner gespielt wird, wirkt das nie belehrend, sondern authentisch, klug und schlagfertig, was auch damit zu tun haben könnte, dass sie sich als Co-Produzentin der Dokumentation »Embrace« über die australische Body-Positivity-Aktivistin Taryn Brumfitt schon mit dem Thema befasst hat.

Nachdem die Erzählfäden locker episodisch ausgelegt sind, werden sie zum Geflecht aus Freundschafts- und Familienbeziehungen zusammengezogen, in dem die Frauen mit ihren Forderungen von den Männern zunächst vehement blockiert werden. Aber aus Frust, Rebellion und Reibung entstehen auch Veränderungen, die immer wieder berührend eingefangen sind, was vor allem der tollen Besetzung zu danken ist, mit Schauspielern, die ihre Sätze mit unausgesprochenen Lebensgeschichten füllen. Das Drehbuch, das Herfurth mit Monika Fäßler und Lena Stahl geschrieben hat, versammelt eine Fülle feiner Alltagsbeobachtungen, die manchmal aber auch haarscharf am Klischee vorbeischrammen, nur um im nächsten Moment wieder abgefangen zu werden: »Für Männer ändert sich durchs Kinderkriegen gar nichts, für Frauen alles«, frotzelt Vicky, doch so platt will Sonja das nicht stehen lassen: »Hör doch auf mit deinem Emanzen-Scheiß!«, schimpft sie, nur um im nächsten Moment ihr Recht auf  ihren Vorschwangerschaftskörper einzufordern: »Das ist doch auch Emanzipation! Wenn ich Bock hab' auf neue Titten, dann kauf ich mir welche!«.

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