Kritik zu 3/Tres

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Seine bitter-süße und sehr stoische Komödie Whisky (2004) war ein großer Festivalerfolg, nun kommt mit Tres ein ähnlich unscheinbares und dennoch höchst vergnügliches Werk des uruguayischen Regisseurs Pablo Stoll Ward bei uns ins Kino

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Ana ist ein typischer Teenager. In letzter Zeit schwänzt sie den Unterricht, und ihr Hobby – sie steht im Handballtor – ist auch nicht mehr so prickelnd. Wenn die Lehrerin ihr zu Beginn den Kopf wäscht, dann huscht ein trotziges Lächeln über ihr hübsches Gesicht. In Gedanken ist die junge Frau ganz woanders. In welcher Galaxie sie sich befindet, genau dafür weckt der uruguayische Regisseur Pablo Stoll Ward mit seinen subtilen Beobachtungen sofort Interesse. Mit dokumentarischer Direktheit führt die Kamera den Zuschauer in ihre gedankliche und emotionale Welt ein.

Als Trennungskind resultiert Anas Renitenz daher, dass das Zusammenleben mit ihrer Mutter Graciela mehr schlecht als recht funktioniert. Im Gesicht dieser leicht maskulin erscheinenden Frau hat das Leben Spuren hinterlassen. Die Stenotypistin verbringt die meiste Zeit im Wartezimmer eines Krankenhauses, wo sie auf eine schlechte Nachricht über ihre todkranke Tante wartet. Ihr Gefühlsleben spiegelt sich im Zustand der Wohnung: Die Wände sind schimmelig, im Bad fehlen Glühbirnen, und das Handtuch knüllt die immer leicht genervt wirkende Garciela achtlos über den Halter.

Unaufgeregt werden diese Zeichen lesbar gemacht: Klar, in diesem Haushalt fehlt ein Mann. Doch Rodolfo, dessen Einsamkeit in der Parallelmontage geschildert wird, ist kein typischer Vertreter dieser Gattung. Seit zehn Jahren lebt die Mutter getrennt von diesem dicklichen Zahnarzt, der durch seine Ordnungsliebe und seinen grünen Daumen feminine Züge verrät. Garciela ist es eigentlich nicht recht, dass Ana ihren Vater immer wieder in die Wohnung lässt, wo er Glühbirnen auswechselt und das Handtuch ordentlich über den Halter hängt. Sie wehrt sich aber auch nicht entschieden gegen diese Restrukturierungsmaßnahmen. Vielleicht spürt sie, dass die Tochter den Vater braucht. Nicht zufällig macht Ana in dem Maße, in dem Rodolfo wieder Boden im Familienleben gut macht, erste sexuelle Erfahrungen.

Im Vergleich mit Tom Tykwers gleichnamigem Film scheint Pablo Stoll Wards bescheidene melancholische Komödie hoffnungslos antiquiert zu sein. Wo der Deutsche die heterosexuellen Banden sprengt, feiert der uruguayische Regisseur offenbar die überkommene bürgerliche Kleinfamilie. Ein solch oberflächlicher Blick verkennt das Wesentliche. Tykwers Großstadtmärchen ist ein Missverständnis ohne Liebe zu den Charakteren. Der 1974 in Montevideo geborene Stoll Ward erreicht dagegen eine ungewöhnliche Nähe zu seinen Figuren. Die drei unbekannten Darsteller Humberto de Vargas, Sara Bessio und Anaclara Ferreyra Palfy als Ana spielen sich ins Herz des Zuschauers. Finden die drei am Ende tatsächlich das familiäre Glück – oder sehen wir nur eine Fantasie? Das bleibt offen. Dank einer beeindruckenden Fülle treffender Mikrobeobachtungen tauchen selbst Wochen später immer wieder Bilder vor dem geistigen Auge auf. Nach diesem bezaubernden Film hängt selbst der überzeugte Chaot sein Handtuch gerade über den Halter.

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