Kritik zu 21 Gramm

© Constantin Film

Mit seinem verschachtelten, elegant konstruierten Spielfilmdebüt »Amores Perros« ist der mexikanische Regisseur, Autor, Produzent und Medienunternehmer Alejandro González Iñárritu buchstäblich ins internationale Kino geplatzt: Der Film bekam zahlreiche internationale Preise und seinem Macher wurde – wieso eigentlich? – der Tarantino-Touch bescheinigt. Nun kommt Iñárritus Zweitling in unsere Kinos, der auf englisch mit einem internationalen Ensemble gedreht wurde

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21 schäbige Gramm konstituieren den Unterschied zwischen Leben und Tod, denn sie sind das Gewicht, das ein Körper im Prozess des Sterbens verliert. So bewegt sich auch der neue Film von Iñárritu auf einem sehr schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Wie in seinem weltweit beachteten Debüt »Amores Perros« zieht der mexikanische Regisseur auch in seinem ersten US-Film noch einmal drei Schicksalsfäden vor dem Hintergrund eines tragischen Unfalls zusammen und setzt damit einen Diskurs über Schicksal und Zufall, Schuld und Sühne, Liebe und Entfremdung, Opfer- und Täterschaft, Rache und Vergeltung in Gang.

Sean Penn spielt den todkranken College-Professor Paul, der verzweifelt auf ein Herztransplantat wartet, und sein röchelnder Atem überträgt sich zusammen mit der unruhigen Nervosität der Kamerabewegungen auf den Film, der genau wie »Amores Perros« durchweg mit der Handkamera gedreht ist. Wie in »Dead Man Walking«, »U-Turn«, »The Thin Red Line« oder »Mystic River« lotet Penn auch hier noch einmal die düsteren Abgründe der condition humaine aus. Sein drahtiger Körper wirkt ausgezehrt, seine Bewegungen gebrechlich, sein Teint aschfahl, sein Blick trübe und nach innen gekehrt. Seine existenzielle Verzweiflung wird zur negativen Energie, die die Zufälle des Films bündelt und vibrierend auf den Abgrund zutreibt.

Benicio Del Toro spielt als Gegenpart einen geläuterten Ex-Sträfling, der sich an den christlichen Glauben klammert, um eine ehrbare Existenz für seine Frau und seine beiden Kinder zu erlangen. Er verursacht den tragischen Unfall, der dem Sohn der ehemaligen Drogenabhängigen Christina (Naomi Watts) das Leben kostet, so wie er Paul seines schenkt. Statt sich jedoch einfach zu freuen, nagen an Paul die fürchterlichen Fragen; er kann nicht anders, als das Verbotene zu tun und dem Ursprung dieses Herzens auf den Grund zu gehen. Auf ähnliche Weise wie William Eccleston in »Heart« und Clint Eastwood in »Bloodwork« beschwört er damit fatale Konsequenzen herauf. In dem Maß, in dem er sich von seiner eigenen Frau (Charlotte Gainsbourg) entfremdet, sucht er auf obsessive Weise die Nähe von Christina, führt sie zum Mörder ihres Sohnes und legt in ihrem Herzen den Keim zur Rache.

Sechs Menschen, die mit ihren Sehnsüchten und Hoffnungen vom Gewicht der Vergangenheit nach unten gezogen werden: Das ist ein starker Stoff für starke Schauspieler. Doch leider wollen Iñárritu und sein Drehbuchautor Guillermo Arriaga der Kraft der Geschichte nicht vertrauen. Sie wirbeln das Kontinuum der Zeit im Teilchenbeschleuniger durcheinander; aber statt wie in anderen Zeitstruktur-Filmen, wie in »Memento«, »Irreversibel« oder ihrem eigenen Film »Amores Perros«, die Geschichte auf diese Weise mit Geheimnissen und Möglichkeiten aufzuladen, entkräften sie sie eher und lenken mit dem rastlosen Wechsel von Vor- und Rückblenden von der Arbeit ihres herausragenden Schauspielerensembles ab. Immer häufiger wird das Ringen um Orientierung im neuen Kino zum modischen Gimmick, zum Taschenspielertrick, der inhaltliche Schwächen übertüncht.

Der allgegenwärtige Tod wird in diesem Film zur Life Force, zur spirituellen Kraft, die auch in Amerika noch eng an die mexikanische Heimat von Regisseur und Autor gebunden ist, wo die Toten als klappernde Skelette zum Tanz aufmarschieren. Aus seiner gebeutelten Heimat hat Iñárritu ein besonderes Gespür für existenzielle Nöte nach Nordamerika importiert, wo er Memphis als universelle Stadt Amerikas, der Welt, inszeniert. Indem er echte Krankenschwestern, Sozialarbeiter und Straßenkehrer als Statisten verpflichtet und an Originalschauplätzen dreht, die ebenso ungeschminkt daherkommen wie seine Schauspieler, schmuggelt er Elemente des Dokumentarischen in seinen Spielfilm.

Entsprechend direkt reagiert Rodrigo Prietos Handkamera auf spontane Einfälle und Bewegungen der Schauspieler; sie nimmt mit dem Staub und dem Schweiß auch ihre existenzielle Nervosität auf. Gleichzeitig spürt man, dass Iñárritu kein zurückhaltender Beobachter ist, sondern seine Akteure unerbittlich fordernd auf den Abgrund zudrängt – und mit ihnen auch den Zuschauer.

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