Kritik zu Neuland

© Film Coopi

2013
Original-Titel: 
Neuland
Filmstart in Deutschland: 
23.04.2015
L: 
93 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die Schweizerin Anna Thommen dokumentiert die Integrationsbemühungen einer Gruppe von jungen Flüchtlingen in Basel

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Das Thema Migration ist derzeit in aller Munde. Und auch Filme und Reportagen zum Schicksal von Flüchtlingen sind nicht gerade rar. Doch die Anzahl derer, die ihrem Gegenstand wirklich gerecht werden, ist eher klein. Dieser Dokumentarfilm über Jugendliche und Lehrer einer Schweizer Integrationsmaßnahme gehört unbedingt dazu. Denn er lässt uns großzügig und aufgeregt ins Leben einiger Menschen schauen, die gemeinsam versuchen, ein Stück weiterzukommen auf dem Weg in die neue Welt.

Gemacht wurde Neuland von der jungen Schweizerin Anna Thommen, die selbst zwei Jahre als Lehrerin gearbeitet hatte, bevor sie ihr Filmstudium erst an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern und dann an der Hochschule der Künste in Zürich aufnahm. Mit diesem ihrem Abschlussfilm ging die Exlehrerin mit der Kamera dann zurück in eine ganz besondere Schule: eine der zweijährigen sogenannten Integrations- und Berufswahlklassen, mit denen die Stadt Basel seit 1990 jugendlichen Zuwanderern eine bessere Basis für die folgende Ausbildung geben will.

Einen ganzen Kursdurchlauf bleibt die Filmemacherin bei einem halben Dutzend Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen in die Schweiz kamen. Ehsannullah, Hamidullah und Hossein sind auf abenteuerlichen Wegen aus Afghanistan geflohen. Die Geschwister Nazlije und Ismail lebten als Albaner in Serbien und sind nach dem Tod ihrer Mutter zum Vater in die Schweiz übergesiedelt. Daneben: Klassenlehrer Christian Zingg, der als energetisches Zentrum des Films mit Erfahrung und viel Humor seinen Schützlingen Mut zum Überwinden von Widerständen macht und selbst die Kraft hat, ihnen auch unangenehme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen: Dass man heutzutage auch als Maler etwas von Mathematik verstehen sollte. Oder dass Nazlije sich wegen zu schlechter Leistungen den Traum vom Lehrerstudium aus dem Kopf schlagen muss.

Ins Programm gehört mit sogenannten Schnupperwochen auch ein Praktikum, in dem die Jugendlichen erste Erfahrungen mit der realen Arbeitswelt machen. Immer wieder muss Nazlije bei den Bewerbungen am Telefon ihren für Basler Ohren wohl zu fremdländisch klingenden Nachnamen »Aliji« buchstabieren. Neben Vorurteilen ist bei den Bewerbungen auch die mangelnde Beherrschung der Basler Mundart ein Handicap, denn im Unterricht wird hochdeutsch gesprochen, mit den Kunden aber nicht. Und manche haben auch ganz schulfremde Probleme: Ehsanullah etwa muss noch 6000 Dollar an die Schlepper zahlen, damit die nicht seine Familie daheim bestrafen.

Ganz sachlich berichtet er davon. Und auch Anna Thommens musik- und kommentarloser Film überzeugt mit einer Dramaturgie, die auf künstliche Dramatisierung (Dramatik gibt es in der echten Welt genug) ebenso verzichtet wie auf Idealisierungen. Eindringlich zeigt er dabei auch, wie viel auch scheinbar kleine Hilfestellungen bewirken können, wenn man sie nur beharrlich und kompetent betreibt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ich habe den Film NEULAND gestern gesehen und bin selten von einem Film so beeindruckt worden. Ein Film ohne jede aufgesetzte Dramatik, ohne Musik, leise, bescheiden, sachlich und voller Wärme. Seine Spannung bezieht er nicht aus der Handlung, sondern aus den Persönlichkeiten, aus ihrem Schicksal und ihrer Perspektive. Einfach großartig!

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt