Die Debatte über Nepo Babies, die vor wenigen Jahren heftig in den USA aufflammte („Sie hat die Augen ihrer Mutter. Und deren Agenten.“), wird in Frankreich eigentlich permanent geführt. Meist geschieht das etwas leiser und womöglich auch weniger abschätzig - man spricht einfach von "fils ou fille de..." Wie verbreitet das Phänomen ist, führt aktuell die Besetzungsliste von Cédric Klapisch' »Die Farben der Zeit« vor Augen.
Ich bewundere Künstler, die über den eigenen Tellerrand schauen und sich in das andere Lager hineinversetzen. Das gefiel mir beispielsweise an »Könige des Sommers«. Darin erzählt Regisseurin Louise Courvoisier vom Sohn einen Milchbauern, der halbwegs der Pubertät entwachsen ist und sich in den Kopf setzt, aus dem Stand den besten Comté der Region herzustellen hat. Diese Einfühlung ist indes längst kein so halsbrecherischer Spagat, wie ihn Emeric Pressburger in „The Glass Pearls“ wagt.
Auf die Frage, was er an Nicole schätzt, antwortet Charlie auf Anhieb: "She is a good citizen." Da mag ein wenig Sarkasmus im Spiel sein, schließlich befinden sich die Barbers mitten in der Mediation ihres Scheidungsverfahrens. Zivilbürgerliche Tadellosigkeit ist nicht unbedingt die erste Tugend, die einem zum einst geliebten Ehegatten einfällt. Aber als Minimalforderung für ein gedeihliches Miteinander funktioniert das durchaus.
Sind sechs Jahre lang genug, um den Verfemten wieder die Hand zu reichen? Ich kann es nicht sagen, denn ich kenne die Zeitrechnung der Löschkultur nicht. Auf jeden Fall kommt morgen »An Officer and A Spy« von Roman Polanski in die US-Kinos, der 2019 in Venedig den Großen Preis der Jury erhielt.
Wie in den meisten Berufen gibt es auch in meinem Metier durchaus Leute, die über ihren professionellen Tellerrand hinauszuschauen vermögen, Manche verfügen gar über Mehrfachbegabungen (Kochen zählt nicht). Nehmen wir nur einmal Matt Stevens, dessen Artikel im Kulturteil der "New York Times" ich meist mit Interesse lese. Als ich erfuhr, er habe einen Bildband mit dem Titel "Good Movies as Old Books" veröffentlicht, hielt ich das für gar nicht so weit hergeholt.
In dieser Woche startet mit „Fantastic Four: First Steps“ ein neuerlicher Versuch, das Marvel-Universum auszudehnen. Nicht einmal an meinem Geldautomaten gibt es ein Entkommen davor. Offenbar empfindet die Berliner Volksbank eine gewisse Affinität zu der genossenschaftlichen Anstrengung, die Welt zu retten.
Die Kinothek Asta Nielsen zeigt an diesem Wochenende (und darüber hinaus: vom 25. bis 30, Juli) eine Werkschau der hervorragenden Dokumentaristin. Am Wochenende ist die Regisseurin aus Kreuzberg in Frankfurt dabei, anwesend, präsent. Der ursprüngliche Titel lautete : "Dabei ist das hier ihr Leben", jetzt heißt die Reihe; "Nirgends ist man richtig da," Man sieht, es geht um biographisches Dazwischen.
Als Michael Douglas und Peter Sarsgard in Karlovy Vary zwei Ehrenpreise verliehen wurden, bedankten sie sich mit einer geballten Dosis Amerika-Kritik. Douglas sah sein Heimatland stracks auf dem Weg in eine Autokratie, sein Kollege beklagte, die USA zögen sich immer mehr aus ihrer globalen Verantwortung zurück. Solche Bekenntnisse verlangen im aktuellen politischen Klima mehr als nur Gratismut. Derweil erinnerte die Retrospektive des Festivals an eine Ära, in der eine ganze Künstlergeneration zum Schweigen gebracht werden sollte.
Dieser Tage kam ich endlich dazu, einen Nachruf auf Ted Kotcheff zu lesen, der seit Wochen in einem offenen Tab schlummerte. Beim Lesen bekam ich nicht übel Lust, mir die Memoiren des Regisseurs zu besorgen. Der Kanadier scheint darin ziemlich vom Leder zu ziehen. Zu den erstaunlichsten Anekdoten gehört wahrscheinlich die, in der ihn Michelangelo Antonioni um Rat bittet.
Kann ein Film psychotisch sein? Es hilft schon einmal, wenn seine Hauptfigur es ist. Jacques Vallin (Charles Denner), der uns in Alain Jessuas Langfilmdebüt von 1964 zunächst als sympathischer Tagträumer begegnet, verliert zusehends den Bezug zur Wirklichkeit. Er halluziniert von Tag zu Tag mehr und seine Haut wird immer dünner. Er geht irre an der Welt und versinkt am Schluss in eine beklemmend heitere Katatonie.
Politische Debatten, fehlende Stars: Die Berlinale hat es nicht leicht – In diesem Jahr lautete die Devise Weltkino anstelle von Hollywood-Glamour, welche Preise vergeben werden, entscheidet sich bei der Abschlussgala am Samstag.
Ob als Historiendrama mit Sandra Hüller oder Dokumentarfilm über einen versuchten Femizid – die Berlinale richtet ihren Blick auf Gender-Rollen und strukturelle Gewalt.
Im Panorama der Berlinale zeigt sich die Liebe als politisches und existenzielles Kraftfeld: zwischen Witwen in Beirut, wachenden Außenseitern in Kairo, zerrissenen Paaren in Maintal und trauernden Clowns in Wien.
Zum großen Bedauern derjenigen, die chronisch zu spät kommen, sind Kurzfilme als Vorprogramm des Wettbewerbs schon seit einigen Jahrzehnten verschwunden. Nun werden sie in einer eigenen Sektion gebündelt. Unter den »Berlinale Shorts« verbergen sich oft wahre Perlen.