Berlinale: Halbzeit im Panorama-Programm

»Only Rebels Win« (2026). © Easy Riders Films

Auf der Suche nach der Liebe – zwischen Maintal und Beirut

Die Vielfalt von Perspektiven, Lebenswelten und Positionen ist dem Panorama auf der Berlinale quasi eingeschrieben. Mit »Desire Lines« haben Sektionsleiter Michael Stütz und sein Team das diesjährige, aus 37 Titeln aus 36 Ländern bestehende Programm überschrieben. Und nach der Halbzeit der 76. Berlinale zeigt sich: Die Liebe ist stets eng verbunden mit Selbstbestimmtheit – ob als trauernde Mutter und Ehefrau in Österreich, einsame Witwe in Beirut oder suchender Love-Scammer im ghanaischen Accra. Sie ist Spiegel unserer Gegenwart und meist politisch.

Danielle Arbids »Only Rebels Win« eröffnete die Sektion. Es geht um die verwitwete Suzanne (Hiam Abbass), die den jungen Sudanesen Osmane (Amine Benrachid) aus einer Prügelei rettet. Bei sich zu Hause verarztet sie Osmane und schnell kommen sich die beiden näher. Sie erzählt von ihrer unglücklichen Ehe und ihrem Außenseitertum als Palästinenserin, er von seinem Leben ohne Eltern im Südsudan und nun ohne Papiere in einem ohnehin zerrissenen Libanon. Trotz des riesigen Altersunterschieds und der Empörung von Suzannes erwachsenen Kindern, Kolleginnen und Nachbarn stehen die beiden zu ihrer Liebe. Eine Chance aber hat sie nicht.

Wegen der israelischen Angriffe auf den Libanon musste die libanesisch-französische Regisseurin ihren Film in einem französischen Studio drehen. Die Außenaufnahmen projizierte sie in das Studio. Das verleiht den Szenen etwas Hyperrealistisches, Bühnenhaftes und damit durchaus Plakatives. Man nimmt diesem ungleichen Paar ihre Liebe und Zuneigung unbedingt ab. Dabei bleibt Osmane etwas eindimensional, rätselhaft und am Ende leider auch klischeehaft. Suzanne, gespielt von der großartigen Abbass, hingegen entdeckt ihre einstige Wut und Kraft wieder, um sich den Konventionen zu entziehen und für sich und ihre Bedürfnisse zu kämpfen.

Stille Selbstermächtigung eines ägyptischen Christen

Subtiler Ausgrenzung ist auch der jungen Wachmann Samaan (Marwan Waleed) in Mohammed Hammads »Safe Exit« ausgesetzt. Ohne soziale Kontakte zur Außenwelt und ohne Waffe bewacht er nachts ein Wohn- und Geschäftshaus. Um seinen mageren Lohn aufzustocken, lässt er sich von der Mutter eines Terroristen bestechen, die er vor jeder Polizeikontrolle warnt. Er selbst kämpft gegen die Geister der Vergangenheit – seine christlichen Eltern wurden aufgrund ihres Glaubens ermordet – und träumt von einem Leben als Schriftsteller. Eines Tages taucht die junge Muslimin Fatimah (Noha Foad) auf, weil sie eine ärztliche Behandlung braucht – ohne Papiere und Krankenversicherung. Samaan fühlt sich gestört in seiner Routine als Wachmann, aber auch als Individuum. Trotz anfänglicher Reserviertheit beginnt er, sich um die unkonventionelle und von Anfällen geplagte Fatimah zu kümmern. Und auch er scheint dadurch an Kraft zu gewinnen.

»Safe Exit« ist ein stilles Drama, mit fein inszenierten Bildern, die die Zuschauenden durch den Film tragen, dem hin und wieder ein klarer Erzählstrang fehlt. Marwan Waleed legt alle Melancholie und Resignation in seine Figur, die am Ende Rache übt und damit sich selbst ermächtigt in einem Alltag voller Grausamkeiten.

Die Liebe in Zeiten der Orientierungslosigkeit

Mit den Grausamkeiten ihres privilegierten Lebens und jenen, die sie sich selbst und gegenseitig antun, schlagen sich Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome (Jannis Niewöhner) herum. Sie ist eine durchaus erfolgreiche Schriftstellerin in Berlin, er ein wohlsituierter Webdesigner im elterlichen, geschmackvoll sanierten Bungalow in Maintal bei Frankfurt, beide Mitte 30. Sie führen eine Fernbeziehung, wobei Jerome deutlich häufiger ins pulsierende Berlin fährt. Vor allem Tanja gibt sich ihrem sanft-egomanen Hedonismus hin, immer wohl dosiert, selbstzweifelnd und reflektiert, dabei aber immer um sich kreisend. Auf Jerome, auf eine Beziehung überhaupt, kann und will sie sich nicht so recht einlassen.

Anna Roller hat mit »Allegro Pastell« (Kinostart 16. April) den gleichnamigen Roman von Leif Randt verfilmt, der auch das Drehbuch schrieb. Angesiedelt ist die Geschichte 2018/19 und dort rein optisch auch verortet. Zugleich aber lässt sich diese Ziellosigkeit und Verunsicherung der Protagonisten auch als Gegenwartsbeschreibung lesen.

Sehr gegenwärtig ist auch »Paradise« des Kanadiers Jérémy Comte. Nach dem Verschwinden seines Vaters bei einem Unwetter auf dem Meer schließt sich Kojo (Daniel Atsu Hukporti) einer Straßengang an, die mit Love-Scamming einsamen Menschen auf der ganzen Welt das Geld aus der Tasche zieht. Getarnt als ein amerikanischer Kapitän in Seenot sucht er den Kontakt zu Chantal (Evelyne de la Chenelière), alleinerziehende Mutter des 18-jährigen Tony (Joey Boivin Desmeules) in Quebec. Sie sehnt sich nach einer liebevollen Beziehung, lässt sich von der charmanten Internetbekanntschaft bezirzen und schickt irgendwann sehr viel Geld ins entfernte Afrika. Das bringt ihren Sohn auf, der heimlich nach Ghana aufbricht, um mehr oder weniger im Alleingang die Bande auffliegen zu lassen. Auch Tony vermisst seinen unbekannten Vater schmerzlich, ebenso wie Kojo seine innere Leere nicht mit Geld füllen kann. Ihn quälen Geister der Vergangenheit und ein aufkeimendes schlechtes Gewissen. Seine Gangkumpanen halten es nur für gerecht, den reichen Westlern Träume zu verkaufen und sie auszunehmen. Das Geschäft mit der Liebe in einer globalisierten, vernetzten Welt.

Flashbacks der Liebe – die Kraft des Kinos

Einer der wohl bewegendsten Momente der ersten Berlinale-Tage war nach der Premiere von »Vier minus drei« (Kinostart 16. April) des Österreichers Adrian Goiginger – basierend auf dem autobiografischen Roman von Barbara Pachl-Eberhart. Nach einem Autounfall verliert sie ihren Mann Heli (Robert Stadlober) und ihre beiden Kinder. Trotz größter Trauer und des unglaublichen Schmerzes will sie an ihrem Glück festhalten, das Gedenken an ihre Familie hochhalten, so wie ihre kleine Familie das Leben gelebt und geliebt hat. Sie und Heli waren Clowns, sie im Krankenhaus, er auf der Bühne. Damit verwehrt sich Barbara (Valerie Pachner) allen Erwartungen und Konventionen – ohne ihre Familie jemals zu verraten.

In Rückblenden macht Goiginger dieses Leben erlebbar, spart auch Konflikte nicht aus und transportiert die ganze Lebensfreude dieser Menschen. Grandios nuanciert gibt Valerie Pachner diese junge Frau voller Lebensmut. Sie habe während des Films zahlreiche »Flashbacks der Liebe« gehabt, sagte Barbara Pachl-Eberhart nach der Premiere im Zoo Palast und demonstrierte damit eine weitere Facette der Liebe – und des Kinos.

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