Streaming-Tipp: »The Eddy«

»The Eddy« (Miniserie, 2020). © Netflix

»The Eddy« (Miniserie, 2020). © Netflix

All that Jazz

Dass Damien Chazelle etwas übrig hat für Jazz, kann man an seiner Filmografie ablesen. Von seinem Schwarz-Weiß-Debüt »Guy and Madeline on a Park Bench« über »Whiplash« bis hin zu »La La Land« hatte noch fast jeder seiner Filme einen Protagonisten, dessen Leben um diese Musik kreist – mit »First Man« als die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Bei »The Eddy«, seiner ersten Serienarbeit, ist das nun nicht anders. Dabei war die achtteilige Netflix-Produktion noch nicht einmal seine Idee: Einige von Glen Ballard komponierte Songs stellten den Anfang dar, um den herum Produzent Alan Poul (»Six Feet Under«) und Drehbuchautor Jack Thorne (»Wunder«) dann eine Geschichte strickten.

Plotgetrieben ist »The Eddy«, zumindest in den ersten für die Presse verfügbaren Episoden, allerdings nicht unbedingt. Im Zentrum steht der Titel gebende Jazzclub am Rand von Paris, geführt vom amerikanischen Exmusiker Elliot (André Holland), der fürs Künstlerische zuständig ist, und dem algerischstämmigen Franzosen Farid (Tahar Rahim), der sich um die Bücher kümmert. Musikalisch sind die Ambitionen groß, doch finanziell läuft's nicht gut. Windige Geschäftsbeziehungen machen die Situation nicht einfacher, genauso wenig wie Elliots angespanntes Verhältnis zur Exfreundin und Sängerin Maja (Joanna Kulig) oder das Auftauchen seiner nicht gerade problemlosen Tochter Julie (Amandla Stenberg) aus New York.

Gleich in der Auftaktepisode wartet das Skript mit einem veritablen Schock auf, dessen Nachwirkungen – so ahnt man schnell – sich noch durch die gesamte Serie ziehen werden. Insgesamt allerdings wirkt manches an der Handlung und auch den Protagonisten in den ersten Folgen, in denen jeweils eine andere Figur in den Fokus genommen wird, ein wenig unterkomplex. Was zählt, ist etwas anderes: die Atmosphäre, die Musik, die Schauspieler. Holland (»Moonlight«) etwa bringt Elliots frustrierte Angespanntheit ganz bemerkenswert zum Vorschein, während Kulig, die sich schon in »Cold War« als Sängerin hervortat, größtmögliche Emotionalität an den Tag legt. Und an Rahim kann man sich ohnehin nie sattsehen.

Seine beiden Folgen hat Chazelle (der im Verlauf von Houda Benyamina, Laïla Marrakchi und Poul selbst abgelöst wird) auf 16 mm gedreht, der Look ist verwackelt und körnig, in seiner Nervosität und Unmittelbarkeit von der französische Nouvelle Vague und Cassavetes genauso inspiriert wie von den Improvisationen und Tempowechseln des Jazz. Das Bild eines internationalen Multikulti-Paris fernab der idyllischen Touriklischees ist so authentisch wie spannend – und weit weg von der bunten Romantik von »La La Land«. Nichts allerdings macht »The Eddy« in seinem Verzicht auf konventionelle Seriendramaturgie so sehenswert wie die von Ballard und Randy Kerber komponierten Jazzstücke sowie die ausführlichen Einblicke, die die Serie in musikalische Schaffens- und Performanceprozesse gibt. Man kann nur hoffen, dass die Sorgfalt und Dringlichkeit, die dabei zutage tritt, im Rest der Serie vielleicht auch noch den Figuren zuteilwird.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns