Kritik zu Cold War

© Neue Visionen Filmverleih

Richten sich die polnischen Filme des in England aufgewachsenen Regisseurs Pawel Pawlikowksi in erster Linie an ein heimisches oder internationales Publikum? Wie schon sein Oscar-Preisträger »Ida« führt sein neuer Film vor, dass dies kein Gegensatz sein muss

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»Ich werde überall und bis in alle Ewigkeit bei dir sein«, schwört sie ihm, als ihre Liebe erst ein paar Wochen alt ist und sie einen kleinen Ausflug an einen idyllisch abgelegenen See genießen. Nichts scheint in diesem Moment das Glück ihrer Zweisamkeit trüben zu können. Aber fast im gleichen Atemzug fügt Zula hinzu: »Ich verpfeife dich.«

Sie (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot) lernen sich in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg kennen. Der Musiker aus Warschau bereist mit Kollegen die Provinz, um traditionelles Liedgut zu sammeln. Im Auftrag des neuen Regimes wollen sie ein Folkloreensemble gründen, das einen Hauch restaurativer Kultur ins Hinterland bringen soll. Als Zula vorsang, war Wiktor eingenommen von ihrer Chuzpe und Schönheit. Und jetzt gesteht sie, dass sie ihn auf Geheiß seines Vorgesetzten (Borys Szyc) bespitzeln soll. Das ist der erste Bruch von vielen, die stets widerruflich sind, denn Zula meinte es aufrichtig, als sie ihm das Treuegelöbnis gab.

Pawel Pawlikowskis Filme erzählen vom Unbedingten und dem Kompromiss. Sie ­beziehen ihre Spannung aus der Anziehung gegensätzlicher Lebenseinstellungen. Die zwei jungen Frauen in »My Summer of Love« werden am Ende auch durch ihre soziale Differenz getrennt, in »Ida« stehen die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der jungen Nonne, die vor ihrem Gelübde steht, und die ihrer Tante einander gegenüber, eine gefürchtete Richterin, die ihre Zerrissenheit mit Alkohol und Affären betäubt. Zula wird bei ihrem Vorsingen als eine vorgestellt, die Gelegenheiten zu ergreifen weiß. Wiktor ist ein wenig wehrhafter Romantiker, der spürt, dass seine Ideale keine Chance haben im Kommunismus. Ihre Liebe wird anderthalb Jahrzehnte Bestand haben, aber niemals die Prüfung des Alltags bestehen müssen, da Wiktor 1952 ein Gastspiel in Ostberlin nutzt, um in den Westen zu fliehen und bald als Jazzpianist in Paris Erfolg hat.

Istvàn Szabó hat 1970 in »Ein Liebesfilm« eine ähnliche, viele Jahre überdauernde Liebesgeschichte zwischen osteuropäischer Heimat und französischem Exil erzählt. Während der ungarische Regisseur deren Widerständigkeit in einer assoziierenden Rückblendenstruktur zum Vorschein bringt, blättert Pawlikowski seine Erzählung in ­sieben Lebenskapiteln auf. Zula und Wiktor begegnen sich in Paris wieder, später reist er zu einem Auftritt des Ensembles nach Split, kann aber nur einen kurzen Blick auf sie erhaschen. 1957, als Zula nach der Heirat mit einem Italiener ausreisen darf, leben sie für eine Weile in Paris zusammen und nehmen ein Album auf. Sie ist enttäuscht, dass er im Exil zu einem mittleren Charakter ­geworden ist und sehnt sich nach der Heimat zurück. Wenige Jahre später folgt Wiktor ihr: um den Preis, zur Haft im Arbeitslager verurteilt zu werden.

Visuell erinnert Pawlikowskis neuer Film auf den ersten Blick an »Ida«, der ebenfalls in atmosphärisch bestechendem Schwarz-Weiß und im »akademischen« Bildformat von 1:1,37 gedreht ist. Aber während in »Ida« Gesichter, Körper und Räume oft im Anschnitt gefilmt sind und die mürbe Szenerie Polens in einem kompositorischen Ungleichgewicht erfassen, öffnet Lukas Zals Kamera hier den Blick zu einer vorbehaltlichen ­Freizügigkeit. Pawlikowskis Einsatz des Formats besitzt nun größere Selbstverständlichkeit, ohne freilich aufgeräumte Bilder hervorzubringen: Sie bleiben grundiert in einer Enge, die Sehnsüchte schürt.

»Cold War« ist ein Meisterstück erzählerischer Konzentration, dem es gelingt, seinen Protagonisten unverbrüchlich treu zu bleiben und zugleich tragenden Nebenfiguren Raum zu geben. Jeanne Balibar und Cédric Kahn haben charismatische Auftritte als Wiktors Pariser Geliebte und als dessen Impresario; Borys Szyc ist trefflich als sacht gebrochener Karrierist und Agata Kulesza, die in »Ida« die Tante spielt, setzt dem Film ein diskretes Glanzlicht auf: Ihr genügen wenige Szenen, um Wiktors Kollegin Irena ein reiches Innenleben als aufrechter, an den Lügen der Staatsräson verzweifelnder Ironikerin zu geben.

... Interview mit Regisseur Paweł Pawlikowski

Meinung zum Thema

Kommentare

Belanglos, uninteressant, fad.
Bin nach exakt 45 Minuten gegangen, leider somit 45 Minuten zu spät.

Ich fand Cold War (Zimna wojna) einen der besten Filme, die ich je gesehen habe, wundervoll auch die Musik!

Ein dramatischer, wuchtiger Film in Stummfilmästhetik und in schlichtem Schwarz-weiß: roher, stimmiger Hintergrund für die Tragik einer Liebe, die kein dauerhaftes Glück findet. Sehr gut.

Der Zusammenhang zur Nachkriegszeit erscheint willkürlich, ich fand die Charaktere blass und gekünstelt. Die polnische Musik zu Beginn war interessant, danach driftet der Film in Beziehungskonflikte ab, die nicht überzeugen.

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