Streaming-Tipp: »Dolemite is my Name«

»Dolemite is My Name« (Serie, 2019). © Netflix

»Dolemite is My Name« (Serie, 2019). © Netflix

König des guten schlechten Geschmacks

Eddie Murphy war für einige Jahre in den späten 80ern, frühen 90ern der größte aller Comedians. Was haben wir gelacht! Dann wurden die Erfolge kleiner und die Kritiken schlechter und nach und nach verschwand er von den Leinwänden. Für alle, die sich an seine großen Zeiten noch erinnern können, ist »Dolemite is My Name« schon allein deshalb ein Genuss, weil man ihn hier wiedersehen kann: Eddie Murphy und sein unnachahmliches Timing, Eddie Murphy und seine einmalige Gabe, den Aufschneider und den Verletzlichen gleichzeitig zu spielen, den Tabubrecher und den Schamvollen, den Wagemutigen und den Unsicheren, den Sexprotz und den schüchternen Verführer. Als Rudy Ray Moore ist Murphy all das und noch einiges mehr. Die Rolle – ein über lange Jahrzehnte verfolgtes Lieblingsprojekt von ihm – scheint ihm wie auf den älter gewordenen Leib geschnitten.

Moore, der heute als Gründungsvater des Rap gilt, war bereits im gesetzten Alter von über 40, als er es als Stand-up Comedian zu Bekanntheit brachte. Wegen seines Hangs zu vulgären Inhalten und Sprachausdrücken wurde er nie im Radio gespielt. In den 70ern drehte er um seine Stand-up-Figur »Dolemite« herum Filme, die Kult wurden. Zum einen, weil sie explizit und im wahrsten Sinne unverfroren afro-amerikanische Kultur ausdrückten, und zum anderen, weil sie so schlecht gemacht waren, dass man sie als Rebellion gegen das Establishment, auch das schwarze, begreifen musste.

Das Schöne an »Dolemite« ist, wie er die kulturelle Gratwanderung zwischen der schwarzen und der weißen Kultur und den jeweils herrschenden Regeln für Gut und Schlecht vor Augen führt. In einer Schlüsselszene sitzen Moore und seine Freunde im Kino. Man schreibt das Jahr 1974; der Komödienhit des Jahres ist Billy Wilders »Front Page« (im Übrigen das Remake eines Remakes), aber Moore und seine Freunde sind fassungslos. Sie finden nichts daran witzig und nichts daran unterhaltsam: »There weren't even titties in it!« – »Told ya! We should have gone see Blackenstein!«

So manchem europäischen Zuschauer wird es ähnlich gehen, wenn er die Stand-up-Auftritte von Moore in »Dolemite« sieht: Was ist es, was sein Publikum an diesen gereimten Kraftsprüchen über Sodomie, Gewalt und Sex so witzig findet? Was hat später die Menschen in Scharen Schlange stehen lassen, um Filme zu schauen, die eine hanebüchene Handlung mit hölzernem Schauspiel und schlechtem Kungfu verband? Rudy Ray Moore war ein wandelndes Paradox: Sein Repertoire, seine Ideen, seine Kostüme klaute er sich zusammen, aber in seiner Performance wurde daraus etwas so Eigenwilliges, Starkes und Überzeugendes, dass man die Energie noch durch den Filter dieses Biopics spürt.

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