DVD-Tipp: »Sommer 1943«

© Tiberius Film

Erschütternd und brutal

Der 1963 geborene polnische Filmemacher Wojciech Smarzowski gehört seit seinem Debütfilm 2004 »Eine Hochzeit und andere Kuriositäten« (Wesele) zu den kontroversen und erfolgreichsten polnischen Regisseure der letzten Jahre. Im Vorjahr erreichte sein Film »Kler« (Klerus) über Missbrauch in der katholischen Kirche fünf Millionen Kinozuschauer allein in Polen und sorgte für hitzige Debatten. Schon 2011 betrat Smarzowski mit »Róza« historisches Neuland, als er das Schicksal der Masuren nach 1945 thematisierte.

Noch erschütternder und brutaler ist jedoch »Wolyn« aus dem Jahr 2016, der nun auch in Deutschland unter dem banalen Titel »Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld« erschienen ist. Es geht um die Massaker von ukrainischen Nationalisten an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien, einem Gebiet, das mehrheitlich von Ukrainern bewohnt war, aber nach dem Ersten Weltkrieg hauptsächlich zu Polen gehörte. Smarzowski rückt wie schon in »Róza« eine Frau in den Mittelpunkt, die mit ihrem Leid exemplarisch für eine menschliche Tragödie steht. Die erst 17-jährige Polin Zosia wird noch im Frühjahr 1939 mit dem Witwer Maciej, dem reichen und wesentlich älteren polnischen Ortsvorsteher zwangsverheiratet, obwohl sie einen gleichaltrigen ukrainischen Jungen liebt. Der Missklang zwischen unterdrückten ukrainischen Bauern und polnischen Beamten schwingt bereits unheilvoll auf dieser ausladenden Feier mit.

1939 nach der Niederlage der polnischen Armee gegen die Deutschen und dem Einmarsch der Sowjets im Osten Polens ändern sich die Kräfteverhältnisse. Schon jetzt kommt es zu Überfällen und Morden an Polen. Der Terror wütet dann ab Juni 1941, als die Deutschen das Gebiet erobern und mit williger Hilfe ukrainischer Kollaborateure die jüdische Bevölkerung ermorden. Smarzowski thematisiert diesen Antisemitismus, der auch unter den Polen herrschte, schonungslos. Schon diese Bilder nackter, hilfloser Opfer sind schier unerträglich, aber in der letzten halben Stunde des 140 Minuten langen Werkes, kann man oft nicht mehr hinsehen. Bestialisch werden vor allem Kinder und schwangere Frauen ermordet. Politisch lässt sich der Film nicht vereinnahmen, der sich um Differenziertheit bemüht und polnische Gräuel ebenso (zu) brutal darstellt.


 


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