Kritik zu In My Room

© Pandora Film Verleih

2018
Original-Titel: 
In My Room
Filmstart in Deutschland: 
08.11.2018
L: 
120 Min
FSK: 
12

Stell dir vor, du bist der letzte Mensch auf der Welt – was würdest du tun? Ulrich Köhlers Film ist ein faszinierendes Gedankenspiel über die Möglichkeiten und Grenzen der Freiheit

Bewertung: 5
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Der Film beginnt mit einem tollen visuellen Gag: Ein Fernsehteam sammelt O-Töne von Politikern; die Wackelkamera aber zeigt alles mögliche – Fußboden, Hosenbeine. Wenn das Bild schließlich ordentlich kadriert ist und ein Politiker anhebt zu sprechen, schaltet sich die Kamera prompt aus. Wie das Negativ eines Fotos oder Films wirkt das: Das Alltägliche und Banale, das Vorher und Nachher ist zu sehen – das, worauf es scheinbar ankommt, ist aber herausgeschnitten.

Armin (Hans Löw) ist der Kameramann, der für diese Dada-Sequenz verantwortlich ist. Er hatte den Ein- und Ausschaltknopf der Kamera verwechselt, wie im Schneideraum ein wütender Redakteur feststellt. Armin ist damit gleich als Loser charakterisiert. Ein »Cashflow-Problem« hat er außerdem.

Der originelle Anfang charakterisiert nicht nur Köhlers desorientierten Helden. Er illustriert (und ironisiert) auch das Credo der sogenannten Berliner Schule, der Ulrich Köhler (»Bungalow«, »Schlafkrankheit«) zugerechnet wird. Deren Filme konzentrieren sich häufig auf das, was allgemein als uninteressant gilt, auf die wilde weite Welt im Off. Politiker-Statements und alles andere Berechenbare überlassen sie den Nachrichten oder Hauptsendezeit-Fernsehspielen.

»In My Room« ist genau das nicht: berechenbar. Nach dem lustigen Beginn sehen wir Armin, wie er seinen geschiedenen Vater und dessen neue Lebensgefährtin besucht, die zu Hause die Oma pflegen. Mit wenigen Szenen porträtiert Köhler das deutsche (Klein)bürgertum: seine Wärme, seine Werte, aber auch die Tristesse im Einfamilienhaus. Gerade, als es sich der Zuschauer in diesem Mief gemütlich machen will, wird er in eine fantastische Versuchsanordnung katapultiert: Die Oma stirbt, Armin betrinkt sich – und wacht am nächsten Morgen in ­einer menschenleeren Welt auf.

The day after... Motorräder liegen ver­lassen auf der Straße. Die Tankstelle, in der sich Armin Zigaretten kaufen will, ist unbesetzt. Es ist, als wären alle Menschen weggebeamt worden. Viele Filme haben ähnliche Endzeit-Szenarien entworfen. ­Köhler aber geht es weder um das Spektakel des Überlebens noch um Spekulationen, welche Fehlentwicklung zum Verschwinden der Menschheit geführt haben könnte. Armin erhält durch die Katastrophe vielmehr die Chance, frei von sozialen Zwängen noch mal von vorn anzufangen. Ein atemberaubendes Gedankenspiel.

Wohin gehst du, wenn du gehen kannst, wohin du willst? Was tust du? Willst du ­ohne Mitmenschen überhaupt weiterleben? Armin fährt erst mal Richtung Süden – und hat auf der Fahrt eine Epiphanie. In einem Tunnel entdeckt er zwei in einem Transporter gefangene Pferde und lässt sie frei. Und diese traumartige Szene markiert einen radikalen Wendepunkt. Im nächsten Bild ist Armin verwandelt: vom ziellos dahin­treibenden Großstadtmenschen zum drahtigen Naturmann.

Jahre müssen vergangen sein. Armin reitet mit bloßem Oberkörper, einige ­Kilos leichter und durchtrainiert, auf einem Pferd, ein Gewehr über der Schulter – auch für den Schauspieler Löw ist das eine bemerkenswerte Verwandlung. Es ist Sommer. Köhlers Kameramann Patrick Orth malt Bilder vom Paradies, das ironischerweise in der Nähe von Bielefeld liegt. Armin hat sich hier niedergelassen, weil er aus der Gegend kommt. Er hat ein Haus gebaut. Ein Mühlrad liefert Strom. Er hält Tiere, beackert ein Feld. Mit kindlicher Freude blickt Köhler auf die Findigkeit seines Helden, der sich in der entvölkerten Welt gut eingerichtet hat. »In My Room« ist keine Dystopie. eher filmische Poesie: Herrlich, wie wild in Orths Bildern der Landkreis Lippe aussehen kann!

In diesem Paradies ist Armin der erste Mensch. Ein Adam, der – natürlich – seine Eva trifft, die hier den Namen Kirsi (Elena Radonicich) trägt. Und der ewig unentschlossene Junge, der Bindungen immer gescheut hatte, verliebt sich – in eine Frau, die jede Bindung scheut. Damit erweitert Köhler sein Experiment: Wie viel Freiheit ist möglich, wenn jeder Mensch seine Grenzen schon in sich trägt?

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Der Film wurde in Vlotho gedreht. Liegt im Kreis Herford. Nicht im Landkreis Lippe. Den Fehler haben Sie leider vom Filmflyer übernommen.

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