Kritik zu Das freiwillige Jahr

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Ulrich Köhler und Henner Winckler sezieren in ihrem gemeinsamen Film, der seine Premiere in Locarno hatte, unaufdringlich eine Vater-Tochter-Beziehung

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Der Vorname Urs verspricht Kraft und Stärke. Nun, auch wenn der Urs dieses Films (Sebastian Rudolph) nicht gerade nach einem Bären aussieht (von dem der Name sich ja herleitet) – er ist eher hager, aber durchtrainiert –, strahlt er doch eine gewisse Dominanz aus. Ein Mann, der weiß, was er will. Der erste Satz des Films ist eine Weisung, eine in eine Frage ­gehüllte Anordnung: »Kommst du?«, ruft Urs ­seiner Tochter zu, die im Garten des Hauses Abschied nimmt von ihrem Esel. Denn Jette (Maj-Britt Klenke) ist im Aufbruch, sie wollen zum Flughafen, weil Jette nach Costa Rica fliegen soll, für ein freiwilliges soziales Jahr in einem Krankenhaus, das ihr, so müssen wir später annehmen, der Vater vermittelt hat. Denn der ist in der ländlichen Region, in der der Film spielt, ein niedergelassener Mediziner. Begeistert scheint Jette jedenfalls nicht zu sein, eher, vorsichtig gesagt, reserviert.

Und auf dem Weg zum Flughafen fällt Urs ein, dass sein Bruder doch noch Jettes Fotoapparat besitzt, den man ja noch schnell abholen könnte. Ist doch egal, meint Jette, aber ihr Vater beharrt, dass es doch ihre Kamera sei. Und als sein Bruder sich nicht meldet und es so aussieht, als würde er im Bett liegen (Urs vermutet eine Folge seines Alkoholismus), versucht er, in die Wohnung einzubrechen, hangelt sich von Balkon zu Balkon, schaltet den Nachbarn ein, der eine Bohrmaschine besitzt, versucht, das Schloss aufzubohren, und tritt schließlich die Tür ein. Der Bruder ist einfach nicht da. Und weil jetzt die Zeit drängt, lässt Urs sich darauf ein, dass Mario, Jettes ehemaliger Freund, sie mit Papas noblem VW-Bus zum Flughafen bringt.

Diese ersten zehn Minuten des Films, quasi die Exposition, sind ein kleines Juwel filmischer Personen- und Beziehungsbeschreibung. Man könnte sie auskoppeln, und sie würden auch als eigenständiger Kurzfilm funktionieren. Das Geheimnis und ihr Reiz liegen darin, dass Urs nie irgendwie monströs dargestellt wird in dieser Vater-Tochter-Relation, alles bleibt im normalen Bereich, und nur manchmal einen Tick darüber.

Mario, Jettes Jugendliebe, hat die Beziehung beendet, weil er glaubt, dieses Jahr Trennung nicht zu überstehen. Auf dem Weg zum Flughafen verwechselt er Abflug und Ankunft und rammt mit der Dachbox eine Höhenbeschränkung. Auch das bedeutet natürlich mehr als einen einfachen Unfall, weist auf ein noch unabgeschlossenes Verhältnis, das in einer Nacht der beiden im VW-Bus des Vaters, übrigens auch so etwas wie ein Statussymbol, endet. Man merkt auch, dass Jette nicht weiß, wo sie hinwill, dass ihr die Zweisamkeit viel bedeutet, dass sie vielleicht merkt, wie fremdgesteuert sie ist. Sie wirkt manchmal durchaus tough – wenn auch nicht bei ihrem Vater.

Ulrich Köhler und Henner Winckler haben ihren gemeinsamen Film ohne Mätzchen inszeniert. Aber nichts ist beliebig. Die Szenen im Auto – die Grundidee des Films sei ein »Kammerspiel im Auto« gewesen, sagen die zwei Regisseure – sind meist von der Rückbank aus gefilmt (und nicht etwa durch die Scheibe), was den Zuschauer gewissermaßen in die Betrachterposition stellt und ihn zum Mitreisenden macht. Die Landschaft zieht vorbei, ohne dass die Kamera sie in Augenschein nimmt. Urs würde sich ja in der Provinz nicht wohlfühlen, aber ihr würde es da gefallen, ruft Jette einmal ihrem Vater zu. Am Ende, so viel sei verraten, wird Urs dastehen wie Meister Anton in Hebbels »Maria Magdalena«, der die Welt nicht mehr versteht.

Ein Gefühl für Atmosphäre haben die beiden Regisseure auch schon in ihren vorherigen Arbeiten bewiesen, Ulrich Köhler etwa in »Schlafkrankheit« (2011), Winckler in seinem »Lucy« (2006). Beide liefen auf der Berlinale im Wettbewerb beziehungsweise Forum. Ihr gemeinsamer Film hatte seine Premiere im letzten Jahr in Locarno, als einziger (rein) deutscher Beitrag. Man rechnet die beiden ja gemeinhin der »Berliner Schule« zu, aber in puncto Vielschichtigkeit und konzises Erzählen ist dieser Film einen Schritt weiter.

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