Komm schon, Watson!

In der Fanfiction ist zwischen den beiden Ermittlern deutlich mehr drin als nur Freundschaft...
Mehr als nur Freundschaft?

Die Fans kodieren nicht nur Film- und Fernsehstoffe um, sondern Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Liebe und Sex

London, im Basement eines sehr diskreten Clubs. John Watson hat Sex mit einem fremden Paar, Sherlock Holmes schaut zu und macht die Ansage: Schneller, langsamer... jetzt kommen, bitte. Der Detektiv, dessen sexuelle Orientierung etwas rätselhaft ist, verzieht bei der Performance keine Miene, aber sein gutgeschnittener Anzug scheint ihm eng zu werden. Auf der anderen Seite des Atlantiks ist Tony Stark aka Iron Man außer Atem geraten. Klar, er hat sich mit einem Alien eingelassen. Doch wie hätte er wissen können, dass der übers Ledersofa im »Stark Tower« drapierte Loki von Asgard das »Beste beider Welten« vereinigt, also einen Penis und eine Vagina hat?

»Thor - The Dark Kingdom« (2013)

Die Möglichkeiten sind endlos in der Welt der Fanfiction. Seit mehreren Jahrzehnten, befeuert durchs Internet, arbeitet eine ständig wachsende Szene von Fans, die meisten davon Frauen, die Populärkultur um. Erotische oder pornografische Geschichten sind nur ein Teil ihres gigantischen Outputs, aber es ist ein wichtiger: Auf dem Schlachtfeld des Sex spielen sich die interessantesten Experimente ab.

Seit dem Big Bang in den frühen Siebzigern, als mit dem Slash – von Frauen geschriebenen romantischen oder erotischen Storys um männliche Film- und Fernsehhelden – das eigenartigste und heißeste Subgenre der Fanfiction entstand, hat sich das Repertoire erheblich erweitert, die Perspektive der Fans auf den Sex sich mit dem politischen Diskurs über Genderfragen entwickelt. Kaum eine der heute verbreiteten Sexpraktiken, an deren Aufzählung selbst Volkmar Sigusch in seiner grundlegenden Studie über »Neosexualitäten« scheitert, kaum eine erotische Obsession ist den Fanautorinnen fremd; das Pornografische ist vielmehr eine beständige Herausforderung, es werden regelrechte Schreibwettbewerbe veranstaltet, und gerne wird auf individuelle Bestellung produziert. Die Fantasien, die so zustande kommen, offenbaren einen Spaß am Sex, von dem die Mainstreamkultur nur träumen kann; oft rühren sie an Tabus, evozieren auch Schmerz oder Ekel. Dabei gilt: kein kink-shaming, keine Abwertung seltsamer Vorlieben. Was die eine anmacht, muss der anderen nicht gefallen. Zur Orientierung gibt es Ratings – »Mature«, »Explicit« – und massenhaft Tags. Bondage? Crossdressing? Anal Play? Don’t like – don’t read.

Diese Liberalität ist wichtig. Denn die Geschichte der Fanfiction ist eine des Ringens um Wissen, Selbsterfahrung, Deutungsmacht – eine Bildungsgeschichte. In den Fanwerken hat sich enorme Kompetenz angesammelt; zumindest in dieser Gegenkultur sind junge Frauen heute ganz offensichtlich besser informiert über den weiblichen Orgasmus und die verschiedenen männlichen Lustzentren, über Fesselungstechniken, Sexspielzeug und Fetischkleidung, aber auch über die komplizierten emotionalen und ideologischen Komponenten des Sex. In Foren wird diskutiert, wie eine plausible erotische Szene aussehen kann – »Wie hört sich zerreißende Kleidung genau an?« –, und wenn sich ein politisch unsensibler Tag einschleicht, wird immer irgendwo eine Diskussion angezettelt: bitte statt »Intersex!Loki« doch lieber genderqueer oder genderfluid.

Am Ende kodieren Fans nicht nur Film- und Fernsehstoffe um, sondern gängige Vorstellungen von Geschlecht und Körper, Dominanz und Unterwerfung, Weiblich und Männlich – bis die Kategorie Gender in der Konstruktion einer Beziehung gar keine Rolle mehr spielt. Eine erotische Gruppenveranstaltung in der Fanfiction unterscheidet sich kategorial von einer auf Youporn oder im Sumpf der E-Book-Pornografie: durch Vorspiel und Nachsorge, Reflexion der Rollen, Wechsel der Perspektiven, emotionales Investment. Und es wird deutlich, wie skandalös es ist, dass female-friendly in Pornoportalen als eigene Rubrik geführt werden muss.

Das »Twilight«-Fandom, aus dem E. L. James kommt, entwickelte sich unabhängig von den etablierten Fanszenen und funktionierte offenbar ein wenig anders. Die Autorinnen begannen schnell, sich von den Romanen und Filmen zu entfernen, sie als bloße Inspiration zu begreifen, auch zu kritisieren, denn tatsächlich ist das »romantische« Beziehungsmodell im Zentrum des Franchise verstörend: eine verhuschte Minderjährige, die sich unsterblich in einen sehr viel älteren, reichen Stalker verliebt? Vampire kamen in der »Twilight«-Fiction immer seltener vor. E.­L. James, ehemals Snowqueens Icedragon, war nicht die Erste, die ihre Geschichte aus dem fantastischen Universum in ein reales Setting transferierte und mit explizitem Sex, speziell BDSM, anreicherte; tatsächlich kursierte vorher bereits ein auffallend ähnliches, sehr populäres Fanfic – »The Submissive« von Tara Sue Me. Und wenn man eine vitalere Version des Szenarios »Dominanter Boss« lesen will, sollte man zu »The Office« greifen – einem Fanfic von Christina Hobbs und Lauren Billings, das inzwischen zu einer Serie umgearbeitet und in die kommerziellen Kanäle eingespeist wurde.

»Fifty Shades of Grey« war als E-Book von »Twilight«-Fans auf Platz eins der Amazon-Topliste katapultiert und in einem Indie-Fanverlag veröffentlicht worden, bevor James ein Angebot des Knopf-Verlags bekam, und inzwischen ist das Verfahren üblich geworden. Immer mehr Fanautorinnen ziehen ihre Geschichten aus den Onlinearchiven und versuchen, sie zu verkaufen – dazu müssen sie allerdings mindestens »die Seriennummern wegfeilen«, also die Namen austauschen und klare Hinweise auf die Vorlagen tilgen. Im Fall von James scheint das kein sehr aufwendiger Prozess gewesen zu sein. Die Autorin hat, so belegt eine Fankritikerin am Dokument, mehr als 80 Prozent ihres Fics »Master of the Universe« in »Fifity Shades of Grey« übernommen; Bella und Edward verwandelten sich in Anastasia und Christian, ein Durchgang mit dem Besen – das war’s. Ob Stephenie Meyer, die Autorin der »Twilight«-Bücher, Plagiatsklage hätte erheben können, ist nicht so ganz klar; sie hat jedenfalls großzügig verzichtet. Der Verlag von James behauptet, die Serie basiere bloß auf einem Fanfic, und die Autorin hat sich von der Szene getrennt; angeblich stoppte sie ihre Twitter-Kommunikation mit den Followern, deren Enthusiasmus ihre Karriere ermöglicht hat.

»Fifty Shades of Grey« (2015)

Für die Community der aktiven Fans ist das ein Problem. Der Raum, in dem Fanarbeiten entstehen, die Kultur der Remixes oder transformative works, ist geschützt durch eine Bestimmung im angelsächsischen Urheberrecht, die den fair use von Originalstoffen erlaubt. Ein wesentliches Indiz für diesen fair use ist: Es dürfen keine kommerziellen Interessen des Urhebers berührt sein. Wenn Fanautoren beginnen, mit Werken, deren Vorlagen nicht rechtefrei sind – Shakespeare geht in Ordnung –, Geld zu verdienen, werden die Unterhaltungskonzerne, die sich längst an den kreativen Fan-Wildwuchs gewöhnt hatten, womöglich wieder anfangen, Abmahnungen zu versenden.

Darüber hinaus beschädigt der Prozess der Kommerzialisierung  die schöne Freiheit, die sich Fans, gerade beim Thema Sex, herausnehmen. Buchverträge gab es bisher nur für heterosexuelle Romanzen, die nicht annähernd abbilden, was Fanfiction leisten kann. In dem Sammelband »Fic: Why Fanfiction Is Taking Over the World« wird der Prozess der Mainstreamisierung mit einer Sherlock-Story belegt: Das Erste, was die Autorin Kara Braden tat, als sie ihre Geschichte »Northwest Passage« zur Veröffentlichung vorbereitete, war, die zentrale homoerotische Beziehung als heterosexuelle zu reimaginieren – noch bevor der Verleger überhaupt danach verlangt hatte. Vielleicht ist es möglich, aus John Watson eine Jane zu machen. Aber den genderfluiden Loki wieder einzufangen – das dürfte schwer sein.

Wege zur Fankultur
www.fanlore.org
Die Geschichte der Fankunst und Fanaktivitäten seit den Siebzigern.

www.archiveofourown.org
Das derzeit aktivste und umfangreichste Archiv für Werke aus allen Fandoms: mehr als eine Million Geschichten, Videos, Podcasts.

www.transformativeworks.org
Von Fans gegründete Organisation für die Archivierung und Pflege der Fanart, betreibt auch das Archive of Our Own, vertritt Fans und beschäftigt sich mit Copyright-Problemen. Eine neuere Stellungnahme zu angepeilten Änderungen im amerikanischen Urheberrecht liefert einen extrem lesenswerten Überblick über die Bedeutung und Funktion der Fanart.

www.deviantart.com
Schöner Ausstellungsraum für visuelle Fanart.

Buchtipp

Anne Jamison: Fic. Why Fanfiction Is Taking Over the World. Smartpop 2013, 304 S., 12 €, auch als eBook.

Fankunst hat einige Regalmeter wissenschaftlicher Untersuchungen hervorgebracht. Dieses Buch versammelt Aufsätze und Interviews auch zu neueren Fandoms, etwa zum »Twilight«-Komplex – sehr lesbar.

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