Crossing Europe: Ein großes Dach mit viel drunter
»The Visitor« (2026)
Crossing Europe Film Festival Linz, die Dreiundzwanzigste (28. April bis 3. Mai 2026)
Wonach schmeckt der Jahrgang? Das ist eine dieser Fragen, auf die die Antwort immer nur ungenügend ausfallen kann. Vor allem, wenn mit »Jahrgang« das Programm eines Filmfestivals gemeint ist, im Sinne von: Welches Thema prägt die diesjährige Auswahl? Denn wenn es sich nicht gerade um ein auf Äpfel, Birnen oder Zwetschgen spezialisiertes Festival handelt, dann geht ein übergeordnetes Thema automatisch mit einer Beschränkung einher. Bekanntlich passt nicht alles unter einen Hut. Weswegen das mit den Jahrgänge prägenden Themen, die von Festivals gerne mal ausgerufen werden, so eine Sache ist. Oft scheinen sie im Nachgang ähnlich brachial übers Knie gebrochen wie so manche knarzende Überleitung im danach entstehenden Festivalbericht. Das Crossing Europe Film Festival aber, das in diesem Jahr zum dreiundzwanzigsten Mal im oberösterreichischen Linz stattfand, macht mal wieder vor, wie dergleichen geht, ohne krampfig zu sein.
»Family Ties« – so lautet die Überschrift der Begrüßungsworte der beiden Leiterinnen Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler im Festivalmagazin, und das ist auch ihre Antwort auf die Frage nach »dem roten Faden« im Programm. Wobei »Familie« zu verstehen sei »als Kern zwischenmenschlicher Beziehungen in herausfordernden Zeiten, mit dessen Untersuchung, Zerstückelung oder Neuerfindung sich die großen Themen reflektieren und analysieren lassen«. Das ist doch mal ’ne Ansage: Wir brechen kurzerhand den Begriff auf und erweitern auf diese Weise die Möglichkeiten der Erkenntnis.
Mit solchem Brennglas ausgestattet, lassen sich sodann im Programm nicht nur Spuren verfolgen und Verbindungslinien finden, sondern es ergibt sich schließlich auch ein schöner Gesamtzusammenhang und tieferer Sinn, der über den Kinosaal hinausweist. Denn es geht ja nicht nur um die vielbeschworene »Europäische Familie«, die oft genug ein reiner Propagandabegriff bleibt, es geht mit »dem Familiären« auch um eine Qualität der Atmosphäre, um die sich viele Festivals vergeblich bemühen. In Linz klappt beides, da treffen sich die Mitglieder der europäischen Filmemacherfamilie in familiärer Atmosphäre, um Filme von und über Familien zu sehen, in denen sich Europa spiegelt.
Die Familie, das wissen wir alle, ist ein Hort des Konflikts, der lautstarken Streiterei, der leisen Gemeinheit, der Tragödie und des Dramas; Gewalt und Krieg haben in ihr ihren Ursprung. Hier muss den Hebel ansetzen, wer die zerrissene Gesellschaft heilen will. Respekt und Toleranz, Miteinander-Reden und Einander-Zuhören, Aufmerksamkeit und Zugewandtheit lassen sich in der Familie lernen und üben. Zwei Dokumentarfilme seien aus dem vielfältigen Programm herausgegriffen, die davon auf erstaunlich zartfühlende Weise Zeugnis ablegen: Der italienische Beitrag »White Lies« von Alba Zari und »Don't Worry, Sari!« (Szia Sári!) der Ungarin Sári Haragonics. Zari wurde in Thailand in die berüchtigte Sekte »Children of God« hineingeboren, in die ihre Großmutter seinerzeit ihre Mutter mitgenommen hatte. Mittlerweile sind alle zurück in Italien und stellen sich Zaris sanft-insistierender Erkundung eines ebenso unübersehbaren wie unübersichtlichen Geflechts von Missbrauchs- und Gewalttraumata, das in den Familienmitgliedern wabert. Haragonics hingegen übernimmt nach deren Tod die Kamera der Mutter, einer leidenschaftlichen Mitfilmerin, und beobachtet, wie es im Leben ihres Vaters und ihrer beiden Brüder weitergeht – beziehungsweise eben nicht; während das Haus der Familie zunehmend verfällt. Beide Arbeiten sind voller Wärme und zeichnen sich durch Gesten der Liebe und des Mitgefühls aus. Mit ihren bescheidenen Mitteln bezeugen sie doch eindrücklich den Respekt, ohne den Vergebung nicht möglich ist.
Ganz anders hingegen verfährt der an Schauwerten nicht sparende »If Pigeons Turned to Gold« (Kdyby se holubi proměnili ve zlato) von Pepa Lubojacki, der in der Kategorie Competition Documentary ausgezeichnet wurde. Das schonungslose Porträt einer vom Alkoholismus gezeichneten Familie setzt damit einen Siegeszug fort, der bei der diesjährigen Berlinale begann, wo es Premiere feierte und den Preis als Bester Dokumentarfilm erhielt. Tief privat erzählt das formal vielgestaltige und inszenatorisch stringente Werk von der Vernichtung des Bruders und der Cousins der Filmemacherin durch Alkoholsucht – und adressiert dabei doch die ganze Gesellschaft, die unverdrossen den Konsum verharmlost.
Im Mikrokosmos steckt Kosmos. Einmal durch(ge)schaut, vervielfältigen sich die Möglichkeiten von Bedeutung wie Interpretation. Folgerichtig ging der Hauptpreis in der Kategorie Competition Fiction ex aequo an »Renovation« (Renovacija) von Gabrielė Urbonaitė und »The Visitor« (Svečias) von Vytautas Katkus. Und zwar nicht, weil sich die Jury nicht einigen konnte, sondern »um die lebendige Filmszene des litauischen Gegenwartskinos auszuzeichnen«. Gute Initiative, die den Zusammenhalt stärkt. Zumal beide Filme als zentrale Schauplätze Plattenbauten wählen, die hartnäckig uncoolen Wohnorte des Proletariats und der prekären Existenzen. Die Jury in ihrer Begründung weiter: »Wir möchten die innovative Poesie des alltäglichen Lebens feiern – die Poesie der Vorstadt-Schlafbezirke und Beton-Wohnblöcke, bewohnt von einem Mix der Kulturen und Sprachen, die tiefgründige menschliche Bindungen aufbauen.« Messerscharf erkannt, konsequent umgesetzt. Wo recht eigentlich der Bär tobt, Multikulti gelebte Praxis und die Wirklichkeit am wahrsten ist: Es lebe der Plattenbau!




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